120 Möglichkeit und Voraussetzungen preußisch-österreichischer Verständigung.
schließen, um die Gesamtheit europäischer Rechtszustände zu befestigen und nötigenfalls
zu verteidigen. Es ist meines Erachtens ein verhängnisvoller Irrtum, wenn eines der
bei diesen Aufgaben beteiligten Kabinette sich für weniger gefährdet hält als andere
und deshalb die Situation für geeignet ansehen wollte, die vermeintliche Hilfsbedürftigkeit
des andern im eigenen Interesse zu benutzen. Mir scheint, daß die Gefahr für alle
hinreichend groß und nahe ist, um an sich ein glückliches und keineswegs gelichertes
Ergebnis darin zu erkennen, wenn es gelingt, sie mit vereinten Kräften abzuwenden oder
zu überwinden. In diesem Sinne habe ich die Verständigung Preußens und Österreichs
als Grundlage der Sicherheit und Ruhe Deutschlands erstrebt, seit ich meine gegenwärtige
Stellung übernommen habe. Nach einzelnen Außerungen des Grafen Karolyi,
noch mehr nach der Haltung mancher öffentlicher Blätter, muß ich allerdings besorgen,
daß diese Auffassung in Wien nicht vollständig geteilt wird; daß man vielmehr dort
von der Annahme ausgebt, Preußen sei in diesem Augenblicke in einer schwierigeren
Lage als Österreich und müßte deshalb die Sicherheit des Zusammenhaltens beider
deutschen Großmächte mit noch andern Zugeständnissen als dem der vollen Gegenseitigkeit
erkaufen. Diese Auffassung werden Eure Exezellenz, wenn sie Ihnen entgegentritt, als
eine irrtümliche bezeichnen können. Insoweit dieselbe sich auf die gegenwärtigen Beziehungen
der europäischen Mächte meinander stützt, läßt sich gegen dieselbe die Wandelbarkeit
dieser Unterlage um so nachdrücklicher geltend machen, als Preußen in dieser
Richtung seit zehn Jahren jeder mitunter in sehr konkreter Gestalt an uns berantretenden
Versuchung widerstanden bat. Man kann mit Recht sagen, und ich räume es vollständig
ein, daß wir bei diesem Verfahren unseren eigenen wohlverstandenen Interessen
gefolgt sind; ich bin aber auch gewiß, daß man in Wien das Gewicht der analogen
Interessen vollständig würdigt und überzeugt ist, daß es schließlich um Unglück beider
deutschen Mächte ausschlagen müßte, wenn dieselben sich auf einen Wettstreit in der
Bewerbung um fremde Bündnisse einlassen wollten, und daß selbst der momentane Vorsprung
des einen oder des andern auf dieser verhängnisvollen Bahn ein trügerischer,
jedenfalls aber auch für den andern erreichbarer Gewinn sein würde. Man gefällt sich
von mehr als einer Seite darin, Preußen als bedroht in seinen überrheinischen Besitzungen
darzustellen; man vergißt dabei, daß dieselben durch die Bundesverträge geschützt
sind, welche uns an sich einen Anspruch auf Beistand geben, über den hinaus wir die
Unterstützung unserer Bundesgenossen unter allen Umständen nicht erwarten. Daß die
Bundesverträge in dieser Beziehung irgendeiner Bekräftigung bedürften, wird niemand
behaupten; denn wenn sie in der Tat nötig wäre, so würde eine solche Bekräftigung
uns in betreff der Ausführbarkeit oder Haltbarkeit ihres Inhaltes nicht mehr Sicherheit
und Vertrauen gewähren, als die ursprünglichen Bundesverträge. Unsere außerdeutschen
Besitzungen sicherzustellen fühlen wir uns, solange das Gebiet des Bundes nicht
gleichzeitig angegriffen ist, ohne den Beistand des letzteren stark genug.
Die inneren Schwierigkeiten Preußens im gegenwärtigen Augenblick mögen im
Auslande überschätzt werden; in Wien aber wird man mit deutschen Zuständen hinreichend
vertraut sein, um nicht daran m zweifeln, daß Seine Majestät der König im
Falle einer Bedrohung Preußens durch ungerechten Angriff heut wie zu jeder Seit auf
die volle Kraft des Landes rechnen kann, und dah in solcher Lage der Dinge die Opposition
des setzigen Hauses der Abgeordneten und der Streit über die Auslegung des
Artikels 99 der Verfassung sofort der Bedeutungslosigkeit verfallen würden.
Ich sage dies nicht in der Voraussetzung, daß das Kaiserliche Kabinett uns wirk-