neue Regiment sein? Wieder das Amt übernehmen kann und
will er nicht. Bleibt nur als Erklärung eine leidenschaftliche Verbitterung
mit dem Wunsche, den Kaiser zu einem Kanossa zu
bringen. Triebfeder zu den größten Taten ist der Haß. In der
Eschenheimer Gasse fing es an.“
Graf Caprivi erzählte dann, daß er vor Jahren als Bewunderer
des Fürsten Bismarck mit einem Tischgenossen, dem
freisinnigen Redakteur König in Stettin, manchen Strauß ausgefochten
habe. Darin, daß den Fürsten sein leidenschaftliches
Temperament oft ungerecht in der Behandlung von Menschen und
Dingen mache, habe der Mann leider recht behalten.
Auf meinen Einwurf, daß doch bei dem schroffen Auftreten
des unfreiwillig in den Ruhestand versetzten Fürsten starke sachliche
Motive mitwirkten, z. B. die Sorge um ein Abreißen des
Drahtes nach Rußland, erwiderte Caprivi lebhaft: „Gewiß, ehrlich
gemeint ist sie, aber sie beruht auf schwerem Irrtum. In
Narwal) nach einstündiger Unterredung sagte mir der Zar: „Ihrer
Aufrichtigkeit vertraue ich, Ihrem Vorgänger habe ich niemals
ehrlich vertrauen können.“ Noch von Kiel aus2) hat er mir seinen
Dank dafür bestellen lassen, daß ich nach der Krisis im März)
auf dem Kanzlerposten verblieben bin!“ «
Was ich dem Grafen Caprivi in seinem Verhalten gegenüber
den Angriffen der Bismarckischen Seite im allgemeinen zu beob—
achten riet, ergibt sich schon aus der erwähnten Richtschnur, die
ich mir selbst für meine Tagesarbeit gesetzt hatte. Bevor ich mich
zurückzog, bereitete mich Graf Caprivi auf eine Auslassung in
der Norddeutschen Allgemeinen Zeitung vor, die den Vorwurf der
Sucht, alles zu ändern, zum Gegenstande hatte und die Auf—
1) Beim zweiten Besuche des Kaisers Wilhelm II. am russischen Hofe
im Sommer 1890. »«
2) Zar Alexander III. hatte im Juni 1892 von Kopenhagen aus mit dem
Großfürsten-Thronfolger dem Kaiser einen eintägigen Besuch in Kiel abgestattet.
3) Wegen des preußischen Schulgesetzes Rücktritt des Grafen Zedlitz-Trützschler
als Kultusminister und des Grafen Caprivi vom Präsidium des preußischen
Staatsministeriums.
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