Full text : Der Weltbrand. Deutschlands Tragödie 1914-1918. Zweiter Band. (2)

demokratische  Richtung,  welche  unter  Leltung  des  Fürsten  Lwow  und  später
dee  Drofessors  Mlljukow  zunächst  die  Geschicke  des  neuen  Freistaates  in  lhre
Hond  genommen  hatte,  im  Zuni  einer  revolutionär-demokratischen  Strömung
weichen,  deren  Führung  der  ehrgelzige  Hlktator  Kerenski  übernahm.  Ee  gelang,
  ln  für  die  Fortsetzung  dee  Krieges  zu  gewinnen.  Die  Mittelmächte  sahen
sich  genötigt,  sich  auf  eine  Welterführung  dee  Krlegee  auch  im  Osten  einzurichten.
Sle  entschlossen  sich  zu  einem  Vorstoß  in  Richtung  Tarnopol  und  versammelten
Kräfte  zu  seiner  Durchführung.
Oas  Wunder  war  gekommen  —  aber  ee  hatte  kelne  rettende  Kraft.

12.

Wer  immer  in  jenen  dunklen  LCagen  genügenden  Aberbllck  Über  die  Lage
unseres  Volkee  besaß,  dessen  suchendes  Auge  fand  sich  aus  Nähe  und  Ferne
immer  wleder  dorthin  zurück,  wo  in  Wahrheit  das  Herz  der  Nation  schlug:  an
die  Front.  Wie  immer  der  einzelne  zum  Problem  dee  Kriegee  an  sich  stebt:
ob  er  als  Anhänger  des  Machtgedankene,  die  Überzeugung  bege,  dah  solange
Menschen  auf  der  Erde  hausen,  sie  immer  wieder  sich
ballen  werden,  um  elnander  die  mit  Lebenegötern  gesegneten  Abschnitte  der
Erdoberfläche  in  blutiger  Auselnandersetzung  streltig  zu  machen  —  oder  ob  er
ale  Idealist  des  Frledens-  und  Versöhnungegedankene  dem  Tagentgegenträdumt,
da  nach  Chrisil  Wort  die  gonze  Menschheit  ein  Hirt  und  eine  Herde  sein  wird,
und  Recht  und  Eintracht  ũber  die  Gewalt  triumphieren  —  der  Aubllck  elner
Millionenschar  von  WMännern,  die  fern  von  Heimat  und  Lleben  durch  Wochen,
Monate  und  Jahre  täglich  und  stündlich  dem  Tode  die  Brust  bleten,  um  die
Heimat  und  die  Lieben  vor  der  Vernichtung  zu  bewahren,  wird  sedem  Betrachter
Schauer  der  Ehrfurcht  wecken.  —

Wenn  der  Retter  retten  wollte:  hler  waren  seine  Werkzeuge,  seine  Verbündeten,
  seine  Kameraden.  Ihrem  Kampf  ein  Führer  zu  seln,  ihnen  mit  dem
Scharfblick  des  Genies  die  Zlele  zu  welsen,  das  war  die  Aufgabe,  zu  der  er  sich
ein  Leben  lang  im  Frleden  und  durch  zwei  Jahre  voller  Wagnisse  und  Erfahrungen
  im  Kriege  geschult  hatte.  Er  ging  ans  Werk.

Aber  er  tat  es,  mußte  es  tun  aus  einer  Erkenntuie,  aus  einem  Wissen  beraue,
dae  für  den  Zögling  des  deutschen  Exerzierreglemente  und  der  deutschen  Kriegeüberlieferung
  berelte  stärksten  Verzicht  bedeutete.  Die  Zeit  der  Offensive,
des  Krleges  im  freien  Felde,  sa  selbst  die  Zeit  für  den  großen,  ins  Freie  zlelenden
Ausfall  aus  der  Festung  war  unwiederbringlich  dahln  —  hätte  allenfalls  noch
einmal  wlederkommen  können,  wenn  das  Wumder  Erfüllung  gebracht,  wenn
der  polltische  Umsturz  des  Ostens  une  militärisch  Rückenfrelhelt  gegeben  hätte
Aber  auch  diese  Hoffnung  hatte,  kaum  erblüht,  schon  wieder  begraben  werden
müssen.  Ee  galt  nur  noch  die  Abwehr  zu  organisieren  —  die  Adwehr  gegen  einen
Ansturm,  dem  die  Erfahrungen  zweier  Kriegesahre  und  die  Menschenkraft  und
Materlalfülle  fast  der  ganzen  bewohnten  Erde  zur  Verfügung  standen.  Von  den
drei  Angriffswaffen,  dle  in  unserer  Hand  lagen,  war  die  eine,  die  Hochseeflotte,
zu  schwach  und  infolge  ihrer  Alchtanwendung  schon  ein  wenig  eingerostet.
Die  zweite,  das  Feldheer,  war  abgenutzt  und  schartig,  doch  lleß  sie  sich  zur  Ab-52