Full text : Deutschland und der Weltkrieg.

 

Das  deuts  che  militärische  Sostem  173

1,220%  (ohne  die  Offiziere).  Das  natürliche  Endziel  einer  solchen  Verfassung
  jedoch,  alle  brauchbaren  jungen  Männer  durch  die  Schule  der
Armee  gehen  zu  lassen,  ist  niemals,  auch  nicht  als  dieser  Krieg  ausbrach,
erreicht  worden.  Obgleich  im  Fahre  1913  die  stehende  Armee  um  63000
Rekruten  verstärkt  wurde,  blieben  doch  noch  30000  Mann  völlig  brauchbare
  und  nicht  weniger  als  etwa  200  000  mit  leichten  Fehlern  Behaftete
übrig  (Ersatzreserve  und  Landsturm  mit  Waffe),  die  man  auch  noch
hätte  einstellen  können  und  jetzt  während  des  Krieges  allmählich  heranzicht.


Die  Neformen,  denen  die  Armee  in  diesen  100  Jahren  unterworfen
worden  ist,  haben  im  ganzen  und  großen  den  Inhalt  gehabt,  nicht  sowohl
  die  Größe  der  Armec  im  Verhältnis  zur  Volkszahl  zu  vermehren,
sondern  durch  Herabsetzung  der  Dienstzeit  das  sozusagen  militaristische
Element  zu  reduzieren  und  dadurch  Raum  zu  schaffen  für  die  Ausbildung
  eines  größeren  Bruchteils  der  Volksmenge.  Bis  zur  vollen
Ausschöpfung  der  allgemeinen  Wehrpflicht  sind  wir  aber  niemals  gegangen.


Von  höchster  Bedeutung,  im  politischen  wie  im  militärischen  Sinne,  ist
das  Institut  der  Einjährig-Freiwilligen.  Der  Mame  „Freiwillige“  trifft
nicht  mehr  zu,  sondern  ist  nur  historisch  zu  erklären;  er  stammt  aus  der
Zeit,  wo  die  Armee  noch  nicht  groß  genug  war,  alle  Dienstfähigen  aufzunehmen,
  und  zwischen  den  Aberzähligen  gelost  wurde.  Um  das  Becht
des  einjährigen  Dienstes  zu  haben,  mußte  man  auf  das  Losen  verzichten,
diente  also  relativ  „freiwillig“.  Um  als  Einjährig-Freiwilliger  zu  dienen,
  muß  man  sich  auf  eigene  Kosten  ausstatten  und  erhält  keinen  Sold,
sondern  muß  sich  aus  eigenen  Mitteln  ernähren.  Zugleich  aber  muß
man  durch  Schulzeugnisse  oder  durch  ein  recht  schwieriges  Examen  eine
höhere  Bildung  nachweisen.  Der  einjährig-freiwillige  Dienst  ist  also  keineswegs
  ein  Privilegium  des  Reichtums,  sondern  ein  Privilegium  der
Bildung,  denn  das  Examen  kann  niemals  erlassen  werden;  jungen  Leuten
  höherer  Bildung  aber,  denen  die  Mittel  fehlen,  sich  das  Jahr  durch
selbst  zu  erhalten,  werden  Beihilfen  gewährt.

Diese  Einrichtung,  die  einst  im  Jahre  1814  gleich  bei  Einführung
der  allgemeinen  Wehrpflicht  der  Kriegsminister  v.  Boyen  geschaffen
hat,  hat  zwei  hervorragende  Vorteilc.  Erstens  stört  der  militärische  Dienst
von  nur  einem  Zahr  die  allgemeine  Ausbildung  der  jungen  Männer
sehr  wenig.  Viele  sehen  es  sogar  als  einen  großen  Vorteil  an,  daß  die
jungen  Männec,  seien  es  Kaufleute,  seien  es  Studenten,  seien  es  Landwirte,
  ihre  bürgerliche  Beschäftigung  einmal  unterbrechen  und  eine  ganz
andere  Welt  kennen  lernen.  Zweitens  aber  gewinnt  die  Armce  aus