Die deutschen Musen in der Bismarck’schen Ära. 143
der inneren Grösse einer Weltstadt zurück. Es ward nicht
einmal das Centrum Deutschlands und den Hauptstanım seiner
neuen Bevölkerung lieferten die slavischen Distriete Oberschlesiens
und der Provinz Posen. Das aus Ziegelsteinen hergestellte und
mit Gypsstuckatur ausgeschmückte Palmyra des Nordens eignete
sich in den letzten Jahren, auch mit Hilfe der gemeinsamen
Noth, diesen Zuzug schr bald an, konnte aber bei dieser Assimilation
sich einer zunehmenden Slavisirung und Herabstimmung
seiner Seelenkräfte, Wünsche und Vergnügungen nicht
entziehen.
Die kleinen Theater und deren zahlreiche Vorschulen und
Vorhallen, von den grossen Schaulokalen an bis zu den musikalischen
Unterhaltungen der Kellerräume, waren die Stätten, in
denen diese Herabstimmung des Berliner Geistes ihr niedrigstes
Niveau erreichte. Die „Nationalzeitung“ hat für spätere Geschichtsforscher
ein Bild vom Niedergang der Berliner, niemals
in künstlerischer Beziehung bedeutenden Posse vollständig entrollt.
Ihrem simnigen und freimüthigen Mitarbeiter Franz
G. Kugler haben die Zeitgenossen immer gern zugehört und
werden Spätere, die sich für die Geschichte der Berliner Cultur
interessiren, Dank wissen. Derselbe hat bis zu seinem, am
29. December 1877 erfolgten Tode die Decadence der Berliner
Posse bis zur völligen Austrocknung der stehenden Figuren und
Scenen mit vielem Fleiss verfolgt und einer seiner Nachfolger
vergleicht die Herabgekommene bei der Besprechung einer Neuigkeit
vom 31. August 1878 mit einer „Mumie, die bei jeder
kritischen Berührung zerbricht.“
Wir stehen vor einem Berliner Kehraus. Derselbe ist vollständig;
beklagte doch Kugler, nachdem er am 9. Januar 1877 einer
Tanzaufführung im königlichen Opernhaus beigewolnt hatte, auch
das „Erbleichen des einst so glänzenden Gestirns, wie man das
Berliner Ballet wohl nennen könnte.“ Eine Stimme des oberen
Raums der nun oft genannten Zeitung, über dem Feuilletonstrich,
mahnt endlich, aın 4. Juli 1875, zum Eingeständniss, dass die
„deutsche Geschichtsschreibung und Philosophie von ihrer
früheren Höhe herabgesunken sind“ und namentlich die Erstere
bei allem Wachsthum ins Breite „den Weg zum geistigen Gehalt“
verloren hat.
So theilen also in der neuen Ära die Musen mit dem
deutschen Gewerbe dasselbe Schicksal. Wenn das Letztere