12 A. v. Janson
gefangenen Russen betreten worden. Die Verfolgung näherte sich der be-
festigten Njemen- und Narew-Linie, und um die ganze Provinz blieb ein
Streifen feindlichen Landes in den Händen der Unserigen, am meisten um-
stritten im Süden, namentlich in der Gegend von Przasnyßz.
In Galizien und in den Karpathen dauerten die Kämpfe unentwegt
fort. Die Armee Linsingen kämpfte sich Schritt vor Schritt vorwärts; von
großer Wichtigkeit war die Erstürmung des Zwinin durch deutsche Truppen
für das Vordringen im Stryjtal. Am 22. März fiel Przemysl infolge Mangels
an Verpflegung; vor der Übergabe an die Russen wurden die Werke und Ge-
schütze nach Möglichkeit zerstört.
Obwohl die verbündeten Streitkräfte in Galizien den eingedrungenen
Gegner von zwei Seiten umfaßten, waren sie doch der großen Überzahl,
die sich in vielfachen starken Stellungen hintereinander festgesetzt hatte,
nicht gewachsen. Zum Angriff konnte erst übergegangen werden, als es der
deutschen Heeresleitung gelang, trotz der eignen Inanspruchnahme auf un-
erhört langen Fronten in Flandern, Frankreich, Litauen und Polen im
Frühjahr 1915 eine Armee zum Eingreifen in Galizien verfügbar zu machen.
E. Die Wiedereroberung Galiziens und die Eroberung
Polens.
In aller Stille mit der Eisenbahn herangeführte deutsche Heeresteile
traten mit den an Ort und Stelle befindlichen österreichisch-ungarischen
Verbänden zu einer neuen Armee zusammen, die, zwischen die Armeen
Erzherzog Josef Ferdinand und Boroevic eingeschoben, unter dem Ober-
befehl des Generalobersten v. Mackensen den Angriff vortragen sollte.
Möglichst unauffällig wurde die starke Artillerie bereitgestellt, am 2. Mai
durchbrach ein durch überwältigende Beschießung vorbereiteter Angriff die
feindliche Linie. Immer wieder stellte sich der Feind in den vorbereiteten
rückwärtigen Stellungen, so daß sich nach jedem Durchbruche die Lücke wieder
schloß. Teile des Verteidigers, die zu lange in der Verteidigung verharrten,
wurden eingeschlossen und fielen in Gefangenschaft. Bis zur Annäherung an
die Wisloka dauerte die „Schlacht von Gorlice —Tarnow“, doch darf man
mit Recht von einer bis in das letzte Drittel des Juni hinein dauernden zu-
sammenhängenden Kampfhandlung sprechen, einem sieben Wochen währenden
Vorkämpfen auf einer Strecke von mehr als 250 km. Dies Vordringen
wurde unterstützt durch das allmähliche Eingreifen der in den Karpathen
stehenden Armeen, denen selbst die Front freigemacht wurde. Die schon
erwähnte Stellung der beiden Fronten zueinander im stumpfen Winkel
ermöglichte diese Wechselwirkung. Der Wiedergewinn von Galizien mit
Ausnahme eines Streifens im Osten übte seine Rückwirkung auf den Raum
zwischen Weichsel und Sanmündung, wo die Armee des Erzherzogs Josef
Ferdinand bisher durch die Russen gefesselt war. Jetzt endlich zogen sie
ab, und nun vermochte auch die Armeeabteilung Woyrsch auf dem Nordufer
der oberen Weichsel wieder in das Bergland von Kielce vorzudringen.
Trotz der seit dem 25. Mai hinzugetretenen Inanspruchnahme Österreich-