Full text: Staatsbürgerliche Belehrungen in der Kriegszeit. Band 2. (2)

II. Die Beziehungen zwischen Deutschland und seinen Verbündeten                 37 
aufeinander stoßen mußten und daß Österreich-Ungarn in eine sehr gefähr- 
liche Lage kam, weil Italien ihm dann an der schmalsten Stelle der Adria 
den Zugang zum Meer absperren konnte, weil dann Italien, vor allem 
auch in seinen Ansprüchen auf die italienischen Untertanen Österreich-Ungarns 
in Südtirol, in Istrien usw., dem anderen in Triest gewissermaßen die 
Gurgel zuschnürte. Der große italienische Staatsmann Crispi, der ein 
warmer Freund und Verehrer Bismarcks war, hat in seinen Memoiren 
(deutsch erschienen 1912) offen ausgesprochen, weshalb er für jene andere 
Richtung der italienischen Politik war, die auch Bismarck so sehr begünstigte, 
nämlich die Ausdehnung nach Afrika, wo Italien alte Erinnerungen des 
Römerreiches wieder neu beleben konnte. Aber es ist klar, daß, wenn die 
Dinge so lagen, der Bund mit Italien niemals Herzensbund werden konnte. 
Viele Deutsche haben das gedankenlos zusammengeworfen. Weil sie 
Italien liebten, seine Natur und seine Kunst, weil sie jedes Jahr in diese 
gesegneten Lande eines ewig blauen Himmels fuhren, glaubten sie, daß 
dieses Reich an uns selbstverständlich mit derselben Liebe hinge, wie wir 
an ihm, an seiner Vergangenheit, an seinen Kunstschätzen hingen. Das 
hat sich schwer gerächt, als Italien bei Beginn des Weltkrieges neutral blieb, 
im Mai 1915 sogar gegen uns in den Krieg eintrat. Der Krieg hat ein unklar 
und unwahr gewordenes Verhältnis nun gelöst, und zwar auf die Dauer gelöst. 
Darüber kann heute schon kein Zweifel mehr sein. Deutschland kommt 
möglicherweise wieder in leidliche politische Beziehbungen zu dem durch 
den Krieg durch und durch zerrütteten Lande. Ob es wieder wie vor dem 
Kriege das Land unserer Reisesehnsucht werden wird, möchten wir be- 
zweifeln. Aber in keinem Falle wird es wieder unser Bundesgenosse werden, 
nicht aus sentimentalen Gründen der Erregung über den Treubruch, die 
natürlich auch mitspielt, weil sich jeder hüten wird, mit einem so skrupel- 
losen Staat Bündnisse zu schließen, sondern vielmehr aus dem Gegensatz 
der Interessen. Durch den Beitritt Bulgariens und durch die Entwicklung, 
die die griechische Politik so oder so nehmen wird, ist das jetzt ganz sicher 
geworden. Unsere Ziele, wobei unter uns verstanden sind Deutschland, 
Österreich-Ungarn und Bulgarien in einem, sind mit den italienischen Hoff- 
nungen und Ansprüchen einfach nicht zu vereinen, und wenn Italien 
geschlagen davon abstehen wird, so wird es dadurch selbstverständlich auch 
unfähig, wieder ein Bundesverhältnis mit uns zu beginnen. Insoweit 
betrachtet, ist das Werk Bismarcks, der Dreibund als Grundlage der 
politischen Verhältnisse Mitteleuropas, zertrümmert und bleibt zertrümmert. 
B. Der Bund mit Österreich-Ungarn. 
Durch Zufall, durch glückliche Heiraten ist nach der landläufigen Auf- 
fassung Österreich-Ungarn entstanden, und der Kampf der Nationalitäten, 
der es vor dem Kriege auf das tiefste erschütterte, schien zu beweisen, daß 
seine ganze Staatsbildung mit ihren elf, zwölf Nationalitäten in einem 
unmöglichen Widerspruch zu dem das 19. Jahrhundert beherrschenden 
nationalen Gedanken stünde. Wo liegt der Grund seiner Einheit? Wie