II. Die Beziehnngen zwischen Deutschland und seinen Verbündeten 61
Gesamthandel von beinahe 21 Milliarden Mark. Für Österreich-Ungarn
überschritt dieser Gesamthandel nach den genannten fünf Ländern etwa
eine halbe Milliarde Kronen bei einem Gesamthandel von erheblich über
6 Milliarden Kronen. Das ist ein Verhältnis, das schon für Österreich-Ungarn
nicht eine Lebensfrage bedeutet, für das deutsche Wirtschaftsleben aber einen
recht geringen Anteil dieser Länder an unseren Weltwirtschaftsinteressen
darstellt. Dabei betrug der Gesamthandel der Türkei (1910/11) in der
Einfuhr 4 Milliarden, in der Ausfuhr 2,1 Milliarden Piaster, der Anteil
Deutschlands daran in der Einfuhr 0,3, in der Ausfuhr 0, 13 Milliarden,
im ganzen 430 Millionen Piaster. Für Österreich-Ungarn sind die ent-
sprechenden Zahlen diese: 0,75 in der Einfuhr und 0,21 in der Ausfuhr,
im ganzen 970 Millionen Piaster. Das zeigt, daß auch auf der andern
Seite Deutschland bei weitem noch nicht für die wirtschaftlichen Interessen
der Türkei wesentlich ist, sondern daß England und Frankreich, namentlich
das erstere, ihm stark voranstehen. Aber selbst wenn der gesamte Handel
der Türkei durch Deutschland zu befriedigen wäre, so würde auch das für
unsere weltwirtschaftlichen Interessen völlig ausschlaggebend nicht sein
können. Mithin ist die Vorstellung, als könne uns dieser nahe Orient als
Ersatz unserer weltwirtschaftlichen Beziehungen und Interessen überhaupt
dienen, als könne damit gewissermaßen ein großes, sich selbst genügendes
Wirtschaftsgebiet entstehen, nichts als ein gefährliches Schlagwort. Auch die
glänzendsten Erfolge des Krieges und danach der politisch-wirtschaftlichen
Beziehungen zum nahen Orient, die wir wünschen und für die wir
arbeiten, sind nicht in der Lage, uns das zu ersetzen, was wir über See
nach wie vor brauchen.
c) Zukünftige Beziehungen zwischen Deutschland und Vorderasien.
So sehen wir, wie der Krieg Beziehungen zwischen Deutschland und
der Türkei geschaffen hat, die sich geschichtlich und wirtschaftlich, politisch
und militärisch schon vorher anbahnten und jetzt ein geschlossenes System
darstellen. Wir brauchen nicht noch einmal zusammenzustellen, wie dieses
mit den vorher geschilderten Beziehungen zu Österreich-Ungarn, zu Bulgarien
und der Balkanhalbinsel zu einer großen Einheit zusammenwachsen. Denn
wir denken, daß das aus den bisherigen Darlegungen klar geworden ist.
Aber hier zeigt sich doppelt, daß es sich dabei im wesentlichen heute (und
vor allem gilt das für die Beziehungen zur Türkei) um Hoffnungen, Aus-
sichten, Ansprüche handelt. Wir sollen diese nicht phantastisch übertreiben,
wir müssen uns heute von den verschiedenen übertriebenen Schlagworten,
die in den volkstümlichen Kriegsschriften im Schwange sind, unbedingt frei
machen. Wir sollen uns vielmehr klar machen, welch eine Summe von Arbeit
nach dem glücklichen Ende des Krieges uns damit erwächst, Arbeiten und
Aufgaben für die Staatsmänner dieses ganzen großen Bundes, für die
Militärs, für die Industriellen und Kaufleute, für die Wissenschaft und für
die Lehre. Und letztere sollen sich im Verhältnis zur Türkei noch eines vor
Augen halten. Wir haben die Pflicht, uns viel stärker als bisher in das
politische und wirtschaftliche, das nationale und religiöse Sein und Denken