III.
Die wichtigsten feindlichen Staaten
nach ihren wirtschaftlichen Bezielungen
und ihrer geschichtlichen Stellung zu
Deutschland.
Von
Dr. Paul Rohrbach in Berlin.
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A. Rußland.
Es ist eine verbreitete Meinung, für Deutschland sei die beste Politik
Rußland gegenüber die der Verständigung und Freundschaft. Zwischen
Deutschland und Rußland, heißt es weiter, gebe es keine streitigen Inter-
essen erster Ordnung, wohl aber starke politische und wirtschaftliche Gemein-
samkeiten. Diese Erkenntnis sei durch den Krieg unterbrochen, aber die
Unterbrechung brauche nicht länger zu dauern, als bis beide Staaten und
Völker sich wieder besinnen, daß sie aufeinander angewiesen sind. Sehen
wir also zu, ob das eine richtige Vorstellung ist, und welches zunächst die
Grundlagen des wirtschaftlichen Verhältnisses zwischen Rußland und
Deutschland sind.
I. Das wirtschaftliche Verhältnis zu Deutschland.
a) Als der Weltkrieg ausbrach, besaß Rußland in Europa und Asien etwa
175 Millionen Einwohner, Deutschland dagegen 68 Millionen. Die deut-
schen Kolonien können mit dem Asiatischen Rußland nicht verglichen werden,
weil sie entfernt und ohne Zusammenhang mit Deutschland liegen und
außerdem erst im Anfang ihrer Entwicklung sind und von Negern bewohnt
werden. Russisch-Asien dagegen hängt mit dem Europäischen Rußland
zusammen, ist großenteils von Russen besiedelt und kann direkt für alle
politischen, militärischen und wirtschaftlichen Bedürfnisse Rußlands nutzbar
gemacht werden. Vor allen Dingen bietet es dem russischen Volke noch
sehr viel freien Raum zur Ausdehnung. Jährlich gehen im Durchschnitt
über eine halbe Million Übersiedler aus dem Europäischen Rußland nach
Sibirien, das in seinem westlichen und südlichen Strich ein durchaus kultur-
fähiges Land ist. Rußland ist von 1870 bis 1914, also in knapp anderthalb
Menschenaltern, von einer Bevölkerungszahl von einigen 80 Millionen auf
die ungeheure Ziffer gewachsen, die es bei Kriegsausbruch besaß. Die