Full text: Bismarck Die gesammelten Werke. Band 2. (2)

Ihre Aussichten. Preußen muß sich suchen lassen. 7 
so muß ich auch das Großherzogtum Hessen und, nach denselben Quellen, Nassau hierher 
rechnen. Über Kurhessen ist hier nichts zu erfahren, da der Gesandte, Herr von Trott, 
selten hier anwesend ist und kaum die notwendigsten Instruktionen, geschweige denn 
weitere Mitteilungen von seiner Regierung erhält. Die genannten Bundesstaaten dürften 
indessen schon ein haltbares Gerüst für eine Neutralität des gesamten Bundes abgeben, 
wenn sie sich an Preußen anschließen, und etwaige entgegenstehende kriegerische Gelüste 
Hannovers, der Freien Städte und der thüringischen  Herzogtümer würden keine Gelegen= 
heit finden, tätig zu werden, und Hannover wenigstens würde gern jeden Vorwand, sich 
ruhig zu verhalten, ergreifen, nachdem es durch Dokumentierung seines guten Willens 
eine Demonstration zugunsten seiner Küsten gemacht und den Beweis seiner Unabhängig= 
keit von Preußen geliefert hätte. Jedenfalls haben die genannten Staaten mit Hinzu= 
rechnung der zu unserer Disposition stehenden Plenarstimmen der 15. und 16. Kurie mehr 
als ein Drittel der Stimmen des Plenums und also die Verhinderung einer Kriegs= 
erklärung in ihrer Gewalt. 
Stark genug zu ihrer eigenen Erhaltung würde eine solche Neutralität nach ihrem 
geographischen Umfange und ihren militärischen Kräften ohne Zweifel sein, und wenn 
ihrer wirklichen Realisierung allerdings manche Bedenken entgegenstehen können, so 
dürfte doch eine dahin zu eröffnende Perspektive nicht ohne Wirkung auf die Politik 
Österreichs im Sinne der Mäßigung bleiben. 
Wenn ich nach dem Vorstehenden mein von E. E. befohlenes Votum nochmals 
zusammenfassen darf, so würde es dahin gehen, die von dem Grafen Buol auf Grund der 
Verhandlungen vom 20. April verlangte Truppenaufstellung abzulehnen, weil „der Fall 
des Bedarfs“ im Sinne jenes Traktates nicht vorliegt; wegen der übrigens aber, und 
namentlich infolge des Zusatzartikels vom 26. November etwa erforderlichen Vor= 
bereitungen auf die zu erwartenden Anträge der Militärkommission zu verweisen und 
bei den Verhandlungen hierüber die Rolle des Verteidigers der Bundes=Kriegsver= 
fassung von Hause aus zu übernehmen. 
Bei diesem unvorgr. Votum rechne ich allerdings darauf, daß unser Beitritt zu 
dem Vertrage vom 2. Dezember bei jetziger Sachlage nicht erfolgt, und daß, wenn 
er demnächst ratsam erscheinen sollte, von uns gleichzeitig die Berechtigung des Bundes, 
zugezogen zu werden, geltend gemacht würde. 
Es ist kaum wahrscheinlich, daß die Westmächte und Österreich auf irgendeine von 
uns zu stellende Bedingung unseres Beitritts eingehen werden, solange sie von uns den 
Eindruck haben, daß uns unsere gegenwärtige Lage unbehaglich ist und wir uns durch 
die anscheinende Kaltblütigkeit, mit welcher man uns und unsere Wünsche ignoriert, be= 
ängstigt fühlen. Diese letzteren Gefühle ist das Wiener Kabinett und die von ihm ab= 
hängige Presse offenbar bei uns zu nähren bemüht. Wenn wir aber die zurücktretende 
Stellung, zu welcher uns das Verhalten der Kontrahenten vom 2. Dezember vor und 
nach diesem Tage ein natürliches Recht gibt, mit Unbefangenheit akzeptieren und uns 
dabei auf den Standpunkt des Deutschen Bundes zurückziehen, so bin ich überzeugt, daß 
es nicht lange dauern wird, bis man uns aufsucht, anstatt daß man uns jetzt frostige 
Antworten gibt und unseren Annäherungsversuchen nur die eine Chance läßt, einer Ge= 
meinschaft beizutreten, welche ohne uns in verletzender Weise geschlossen wurde und in 
welcher wir überall, wo unsere Wünsche nicht mit denen Österreichs zusammenfallen, jeder= 
zeit als einer gegen drei stehen werden.