Der dänische Gesandte zeigt Aufhebung der Gesamtverfassung an. Die nunmehrige Sachlage. 381
437. Bericht an Mintster v. Schleinitz.
[Ausfertigung.]
7. November 1858.¹)
Nachdem in der gestrigen Sitzung der vereinigten Ausschüsse der Vortrag allseitig
unterschrieben war, wurde der Wunsch ausgesprochen, denselben schleunigst drucken zu
lassen. Obschon diese Arbeit in wenigen Stunden hätte bewirkt werden können, bemerkte
doch Graf Rechberg, daß der Druck wegen des dazwischen liegenden Sonntags in den
nächsten Tagen nicht erfolgen werde. Da derselbe in der Tat, ungeachtet der augen=
blicklichen Muße der Präsidialdruckerei, gestern gar nicht in Angriff genommen worden
ist, so darf ich daraus schließen, daß Graf Rechberg gestern vormittag schon wußte, welche
Mitteilung Herr von Bülow uns am Abend machen würde.
Telegraphisch habe ich E. E. den Inhalt eines Schreibens, durch welches mir Herr
von Bülow die erfolgte Aufhebung der Gesamtverfassung anzeigte, bereits gemeldet, und
beehre ich mich dasselbe im Original g. g. beizufügen. Heute früh ging mir vom Grafen
Rechberg dieselbe Mitteilung mit Abschrift eines gleichlautenden Schreibens des Herrn
von Bülow zu; nur enthält das letztere den Zusatz, daß der späte Termin der Einbe=
rufung der Stände durch den Umfang der Vorarbeiten motiviert sei. Graf Rechberg
schreibt dabei, daß er nunmehr den Druck des Ausschußberichtes zur Vermeidung un=
nötiger Kosten sistiert habe, und beruft die vereinigten Ausschüsse auf morgen.
Es fragt sich nun, wie unter diesen Umständen die Ausschüsse sich zu verhalten haben
werden. Nach E. E. gen. Erlaß vom 4. d. M., welcher mir soeben durch den Depeschen=
kasten zugegangen ist, bin ich außer Zweifel darüber, daß Hochdieselben an dem Programm
festhalten wollen, welches in unserer Depesche vom 6. v. M. aufgestellt worden ist, nach=
dem letztere zur Kenntnis nicht bloß der deutschen, sondern auch der fremden Kabinette ge=
langt ist und bona fide die Grundlage der jüngsten dänischen Entschließung gebildet hat,
wie dies in E. E. Erlaß an den Grafen Oriolla vom 4. d. M. näher entwickelt wird.
Danach würde materiell die Angelegenheit am Bunde sich dahin zu gestalten
haben, daß wir nunmehr das Ergebnis der Verhandlung mit den holsteinschen Ständen
abwarten. Eine andere Frage ist aber, in welche Wege formell die Entwickelung der
dermaligen Sachlage zu diesem Behuf zu leiten sein wird.
Meines u. Dafürhaltens empfiehlt es sich am meisten, die Berichterstattung der Aus=
schüsse, wie sie gestern beschlossen worden ist, ihren Weg gehen zu lassen, und den Vor=
trag nichtsdestoweniger am nächsten Donnerstag einzubringen; ein Weg, der m. E. ge=
schäftlich von selbst indiziert ist, wenn nicht vorher eine offizielle Mitteilung der däni=
schen Regierung über die Aufhebung der Gesamtverfassung an den Bund gelangt. Eine
Berichterstattung der Ausschüsse hat der Bund auf Grund des Beschlusses vom 12.
August unter allen Umständen zu erwarten, und dieselbe ist durch die Zwischenverhand=
lungen mit Wien ohnehin schon sehr lange verzögert worden. Fangen die Ausschüsse jetzt,
ohne zuvor in der Bundesversammlung ein Lebenszeichen von sich gegeben zu haben, ihre
Arbeit auf der Grundlage der gestrigen dänischen Konzession von vorn an, so läßt sich noch
nicht absehen, wann und mit welchem Inhalt sie ihren Bericht erstatten werden und
welche Wendung der Staatsrat Zimmermann für Hannover der Sache zu geben bemüht
¹) Am 6. November hatte der Prinzregent ein neues Ministerium mit starkem liberalem Einschlage
gebildet, in dem der Freiherr v. Schleinitz das Amt des Ministers der auswärtigen Angelegenheiten über=
nahm. Der Freiherr Otto v. Manteuffel trat in den Ruhestand.