Der Eindruck der Berliner Vorgänge am Bundestage. 385
flüchtigem Enthusiasmus, indem er von der neuen Regierung die Lösung aller Zirkel=
Quadraturen der deutschen Politik nunmehr baldigst erhofft. Ganz anders denkt sich
der württembergische Gesandte die Aufgabe, welche das neue Kabinett sich gestellt habe;
er sieht eine wesentliche Steigerung des Einflusses der mittelstaatlichen Regierungen auf
Preußen voraus; das Wohlwollen jener zu gewinnen, sieht er als das nächste notwendige
Ziel unsrer Bestrebungen an, und, wie er überhaupt mehr von den äußeren Formen als von
dem Inhalt der Geschäfte berührt wird, so äußert er insbesondere die Hoffnung, daß der herbe
und anspruchsvolle Ton verschwinden werde, von dem er behauptet, daß die Forderungen
Preußens an kleinere Staaten in allen Zollvereins=, Eisenbahn= und sonstigen nachbar=
lichen Angelegenheiten bisher begleitet gewesen seien. Die Auffassungen der übrigen
Kollegen, für die Stimmen von Bayern bis Mecklenburg, einschließlich des Ministers
von Dalwigk, der mich vorgestern aufsuchte, sind im wesentlichen miteinander gleichartig.
Mit mehr oder weniger Vorsicht sprechen sie ihr Mißvergnügen über die eingetretene Wen=
dung aus, und ihre Befürchtungen, mit denen sie in die Zukunft blicken; insoweit sie mir
gegenüber ihren Besorgnissen Ausdruck gaben, habe ich sie natürlich zu beruhigen gesucht;
unumwundener sind die Expektorationen, über welche mir Herr von Scherff gelegentlich
Mitteilung macht, der sich stets als ein sichrer und nützlicher Beistand für unsere Gesandt=
schaft bewährt hat, aber auch, wie ich zur Beurteilung seiner Nachrichten bemerke, von der
Ängstlichkeit angesteckt ist. Nach seinen und meinen Wahrnehmungen hat etwa folgende
Anschauung unter jenen Herren einstweilen Geltung erlangt: das neue Ministerium wird
ohne Zweifel mit konservativen und gemäßigten Absichten ans Werk gehen; es wird sich
aber durch politische und persönliche Verhältnisse zum Bruch mit der bisherigen Rechten
im Abgeordneten= wie Herrenhause gedrängt fühlen; wenn dieser Bruch vollzogen ist, so
wird es seine Stütze ausschließlich in einer von links her zu zählenden Majorität nehmen;
auch diese Majorität wird anfangs eine gemäßigte Haltung annehmen, vielleicht auch zu
bewahren suchen; letztres wird ihr aber, nach der Erfahrung aller parlamentarischen
Körper in Deutschland, sobald sie sich ihrer Bedeutung bewußt werden, nicht gelingen.
Durch Fraktionsrivalitäten, durch die Anforderungen der Presse und vor allem durch den
Sporn, welchen der preußische Landtag und die übrigen in Deutschland einander einsetzen⁸)
werden, wird die Majorität nach links gleiten, und das Ministerium, wenn es Anlehnung
an dieselbe behalten will, mit ihr. Der verstärkte Widerhall, den die Bewegung Preußens
in den übrigen deutschen Volksvertretungen und bei deren Wahlen findet, wird Krisen
für die kleineren Regierungen hervorrufen. Ohnehin wird von dem neuen Kabinett die
Belebung einer deutschnationalen Politik in der öffentlichen Meinung erwartet; auf
diesem Gebiet aber „kann sich Preußen nicht rühren, ohne die Mittelstaaten und Österreich
auf die Füße zu treten“. Sie werden sich also eng aneinander schließen und dahin wirken
müssen, daß Österreich, der gemeinsamen „Revolutionsgefahr“ gegenüber, seine Aussöhnung
mit Rußland und weniger gespannte Verhältnisse zu Frankreich herbeiführe.
Dies ist ungefähr die Quintessenz der Elukubrationen, welche besagte bundestägliche
Staatsmänner untereinander austauschen, und denen ich, soweit sie mir gegenüber vernehm=
bar werden, entgegenhalte, daß das ganze Räsonnement ein Gebäude von Wenn und Aber
ist, und daß man der Entwicklung der Dinge Zeit lassen möge, die unmotivierten Besorg=
nisse zu zerstreuen. Herr von Dalwigk sah so schwarz, daß er mich ernstlich fragte, ob
wir denn glaubten, daß es ohne Rückwirkung auf uns bleiben werde, wenn in den kleineren
⁸) Hier liegt vielleicht eine Textverstümmelung in der Ausgabe des Briefwechsels mit Schleinitz vor, nach der dieser Abdruck erfolgt.
II. 26