Full text: Bismarck Die gesammelten Werke. Band 2. (2)

Pfordtens Besprechungen in Paris. Bayerns Bundespolitik. 79 
schen Ministers wohltun konnte. Er bezeichnete mir als den hauptsächlichen Inhalt seiner 
Besprechungen mit dem Kaiser der Franzosen und den dortigen politischen Persönlich= 
keiten die Interessen Griechenlands, für dessen Schicksale die Teilnahme des bayerischen 
Königshauses lebhafter als jemals angeregt sei. Im übrigen bemerkte er, daß seine 
Meinung von der Stabilität der dermaligen Zustände Frankreichs durch seinen Pariser 
Aufenthalt sehr erhöht worden sei. Er glaubte sogar, daß die Thronfolge für den Fall 
des Ablebens des jetzigen Kaisers durchaus gesichert sei, wenn auch nicht für den Prinzen 
Napoleon, so doch jedenfalls für ein Mitglied der Familie Bonaparte, dessen Bezeich= 
nung entweder von dem Testament des Kaisers, oder von den nach dem Tode sofort zu= 
sammentretenden Marschällen abhängen werde. Meiner unvorgr. Ansicht nach dürfte der 
letztere modus procedendi eventualiter die bedenklichsten Keime der Zwietracht zutage 
bringen. Herr von der Pfordten sprach mit großer Anerkennung von dem glänzenden 
Verstande, welchen der Prinz Napoleon im Gespräch mit ihm entwickelt habe, und fügte 
hinzu, daß dieselbe Anerkennung und Überzeugung von der Sicherheit der Thronfolge 
dieses Prinzen in den Kreisen, mit welchen er verkehrt habe, allgemein sei. Meine eigenen 
Eindrücke aus Paris widersprechen dem, und habe ich namentlich in den militärischen 
Kreisen hohen und niederen Grades viele Beweise einer geringschätzigen Abneigung gegen 
die Person dieses Thronfolgers erhalten, welche sich sogar unter den Offizieren der nächsten 
Umgebung des Kaisers in den stärksten Ausdrücken Luft machte, namentlich bei Gelegen= 
heit eines Diners, welches einer Jagd in Fontainebleau folgte, und bei welchem der Wein 
die Zunge löste. Im übrigen war der Minister von der Pfordten durchdrungen von der 
aufrichtigen friedlichen Gesinnung, welche gegenwärtig das französische Kabinett, und 
namentlich den Kaiser selbst beseele. Letzterer hoffe auf baldige direkte Eröffnungen 
von seiten Rußlands, und diese würden, wenn man den günstigen Moment nicht ver= 
säume, die zuvorkommendste Aufnahme finden. Als Programm halte man in Paris auch 
gegenwärtig die 4 Punkte mit einer vertragsmäßigen Beschränkung der Stärke der russi= 
schen Pontusflotte fest. 
Nicht ganz verständlich in seinem Kausalzusammenhang war mir ein lebhafter Aus= 
fall gegen den Deutschen Bund und die Art, wie dessen Politik betrieben werde, zu welchem 
Herr von der Pfordten im Augenblick, wo er mich verließ, Gelegenheit nahm. Mochten 
Zeitungsartikel und Andeutungen über Rheinbunds=Politik oder neuere Zumutungen 
Österreichs ihm dabei vorschweben, das lasse ich unentschieden; jedenfalls klagte er, daß 
man es keinem recht machen könne, und bald hier bald dort angefeindet werde. Er 
schloß mit den Worten: „Wenn es so weiter geht, so muß der Bund zugrunde gehen; 
mögen dann diejenigen, welche auf eigenen Füßen nicht stehen können, sehen, wo sie bleiben. 
Bayern wird sich schon durchhelfen.“ Ich weiß nicht, ob ihm bei diesen Worten etwas 
von einer Dreiteilung Deutschlands dunkel vorschwebte, welche ich gelegentlich aus dem 
Munde französischer Politiker als eine natürliche habe schildern hören, und nach welcher 
Bayern der Belitz des Südwestens von Deutschland mit Einschluß Frankfurts, Preußen 
aber das rechtsrheinische Norddeutschland zufallen würde. Andernfalls schien seine Emp= 
findlichkeit gegenwärtig mehr gegen Österreich, als gegen uns gerichtet zu sein, indem er 
das bei Gelegenheit der Korrespondenz über die Bundesreform wieder hervorgetretene 
österreichische Verlangen, den Bestand des Bundes durch unbedingten Anschluß an Öster= 
reich zu sichern, mit Bitterkeit kritisierte. Im ganzen läßt sich annehmen, daß das bayeri= 
sche Selbstgefühl gegen Österreichs Zumutungen durch die Pariser Reise des Premier= 
ministers einige Stärkung erhalten hat.