Kurie soll mähigenden Einfluß auf Klerus ausüben. 349
die weitere Erfahrung ihnen Recht geben, sollten wir erkennen müssen, daß die Partei,
welche die offene Gegnerin Preußens ist, wirklich in der Kirche die Herrschaft übt und
selbst die höchsten Instanzen in der letzteren entweder nicht den Willen oder nicht die Macht
haben, der Haltung des deutschen Klerus einen anderen Charakter aufzuprägen, so würden
wir dadurch in eine Stellung zur katholischen Kirche hineingedrängt werden, welche ich im
beiderseitigen Interesse ulnd] in dem der staatlichen Ordnung im Ganzen“ aufs tiefste be-
dauern müßte.
Wir wissen ja, daß sich auch in Rom selbst und in der Umgebung des Papstes ver-
schiedene Einflüsse bekämpfen. Die Aichtung, welche sich in Süddeutschland uns entgegen-
stellt, ist dort in hochstehenden und einflußreichen Prälaten vertreten. Aber wir dürfen doch
annehmen, daß der Papst persönlich und selbst die Kurie die Dinge überhaupt und die
Interessen der Kirche insbesondere von einem höheren und freieren Standpunkte beurteilen,
als dies in demjenigen Teile der Kirche geschieht, welcher unglücktlicherweise in die Leiden-
schaften des Tages und der politischen und Parteiinteressen bineingezogen wird. Wir geben
darum die Hoffnung nicht auf, daß man in Rom die Gefahr erkennen möge, welche für die
Kirche ulnd) für die staatliche ulnd) gesellschaftliche Ordnungs in jenem Treiben liegt, und
daß man sich dort entschließen werde, einen mäßigenden Einfluß, wie er bei einem ernsten
Auftreten des Heiligen Vaters des Erfolges sicher sein kann, auszuüben. Es würde uns
schmerzlich sein, wenn das Ausbleiben eines solchen Einflusses uns nötigte anzunehmen, daß
man in Nom auf jenes Treiben nicht mit Mißbilligung blicke, oder daß man sich nicht
stark genug fühle, ihm ein Siel zu setzen; — wenn wir in Vom selbst nicht einen Bundes-
genossen gegen die Nevolution, sondern einen mehr oder weniger bewußt mit derselben
gegen uns verbündeten: Gegner erblicken müßten.
Ew. pp. kann ich überlassen, die vorstehenden Betrachtungen, welche die Richtschnur
für Ihre Haltung und für Ihre Einwirkungen bilden werden, in geeigneter Weise m be-
nutzen, um den Römischen Hof über die Lage der Dinge aufzuklären.
1131. Schreiben an den Kronprinzen Frledrich Withelm.
[Reinkonzept.1
Ju den auf den 22. April angesetzten Geierlichkeiten der Vermäblung des italienischen
Kronprinten Humbert mit der Prinzessin Margaretha von Savohen war auch Kronprinz Griedrich
Wilhelm von Preuhen eingeladen, nicht obne leises Gutun Bismarcks, der in einem Telegramm
an Graf Usedom vom 13. März) den Sedanken fjelbst angeregt borter Als Begleiter des Kron-
prinzen wurde General v. Stolcs ausersehen. Am 16. April trat der W- leine Veise nach
Turin an. Im Hinblickl auf das Kommen des Kronprinzen batte Graf Usedom am 5. April auf
die Möglichkeit hingewiesen, daß General Lamarmora, ungeachtet seiner neuerlichen Angriffe
auf Preußen, den Versuch machen könnte, sich an den Kronprinzen gelegentlich seines Auf-
entholts in Italien heranzudrängen. Es hieß in dem Verichte des Gesandten: „Der General
bat in seinen gedruckten Reden stets angedeutet, ja sogar ausgelprochen. daß er mit den aller-
böchsten eersenen in Berlin sehr gut stehe und es nur mit Ew. Exjellenj zu tun babe. Er
möchte also konsequent prätendieren, daß Seine Königliche Hobeit der Kronprinz die seinerseits
Preußen und Ew. Ezgellenz gegenüber bebauptete gegnerische Stellung als ein untergeordnetes
e Worte; „im beiderseitigen Interesse ulnd] in dem der ltaatlichen Ordnung im Ganzen“ eigen-
bunier eer# Bismarcks.
1 Die Worte: „an für die staatliche ulndl gesellschaftliche Ordnung“ eigenböndiger Einschub Bismarcks.
. Die Worte: „mit derselben gegen uns verbündeten“ eigenbändiger Einschub Dismarcks.
1131.1 Das Konzept trägt den eigenbändigen Vermerk Bismarcks: „Vlon] Sleiner]! Mlajestät) glenehmigt.“