58 Der Norddeutsche Bund und das Rettungswerk in Kandia.
Die allgemeine Instruktion, welche Graf Brassier in betreff der Beteiligung des
„Blitz“ bei der Sache unter dem 2. August d. J. erhalten hat, lautete dahin, daß diese
Beteiligung eintreten könne, wenn Rußland und Frankreich zusammengingen. Weitere
Instruktionen in betreff des „Blitz“ hat weder Graf Brassier noch der Kommandant dieses
Schiffes von hier aus erhalten. Es beruht daher vollständig auf einem Irrtum, wenn der
Fürst Gortschakow annimmt, das Verhalten des Admirals Simon habe bei uns die
Tendenz hervorgerufen, das Rettungswerk einzustellen und erst, nachdem wir uns der
Haltung Frankreichs versichert, sei der „Blitz“ zur Fortsetzung des Rettungswerks autorisiert
worden. Die Resultate, welche die Beteiligung dieses kleinen Fahrzeuges geliefert,
haben übrigens unsere Erwartungen zu unserer Genugtuung übertroffen. Der „Blitz“ hat
auf seinen verschiedenen Reisen 550 Frauen und Kinder teils nach Milo, teils nach dem
Piräus übergeführt; er hat dabei mit sehr schlechtem Wetter zu kämpfen gehabt und ist
mehrfach in Gefahr gewesen. So viel wir wissen, befindet er sich auch jetzt noch in den
griechischen Gewässern.
Was die politische Seite der Sache anlangt, so habe ich Ew. pp. bereits durch meinen
Erlaß vom 7. d. M. — Nr. 296 — von der Unterredung Mitteilung gemacht, die ich mit
Herrn von Oubril gehabt und in der ich demselben dargelegt habe, für wie bedenklich ich
es halten würde, wenn ein Auseinandergehen Rußlands und Frankreichs in den Augen der
Pfordte constatirt würde, und letztre oder doch die Bevölkerung der Türkei dadurch den
Eindruck bekämen, als ob Frankreich¹ auf dieselbe Linie mit England träte. Dies letztere
muß meines Erachtens vor allen Dingen vermieden werden, wenn man sich vor den nachteiligen
Folgen wahren will, die eine solche Konjunktur gerade für die russische Politik im
Oriente, der unsre Sumpathien gewidmet sind², haben würde, wie ich dies in meinem vorgedachten
Erlasse, auf den ich hiermit Bezug nehme, entwickelt habe. Ich würde gewünscht
haben, daß Ew. pp. diesen Erlaß, der Ihnen nach Ihrem Berichte vom 11. d. M. —
Nr. 138 — zugegangen war, bei der Gelegenheit, die sich durch die Außerungen des Fürsten
Gortschakow darbot, verwertet hätten, und ersuche Ew. pp., sobald eine neue Gelegenheit
dazu eintritt, die darin enthaltenen Gedanken zur Geltung zu bringen.
*872. Schreiben an den Oberpräsidenten von Hannover
Grafen zu Stolberg-Wernigerode.
[Konzept von der Hand des Vortragenden Rats Wagner.]
Am 17. September hatte Graf zu Stolberg-Wernigerode gelegentlich der Anzeige von
der Übernahme der Geschäfte der Zivilverwaltung bei Bismarck angefragt, wie es nun mit
den dem Generalgouverneur v. Voigts-Rhetz durch die Königliche Ordre vom 3. Dezember 1866
übertragenen besonderen Vollmachten (vgl. dazu Die Gesammelten Werke, Bd. VI, Nr. 622
nebst Vorbemerkung) gehalten werden solle, ob nicht eine formelle Aufhebung dieser Vollmachten
am Platze sei?
Berlin, den 24. September 1867.
Ew. Erlaucht beehre ich mich auf den gefälligen Bericht vom 17. d. Al. ganz ergebenst
zu erwldern, auch es nach meinem Dafürhalten einer förmlichen Aufhebung der Allerhöchsten
Kabinettsordre vom 3. Dezember v. J. nicht bedarf.
----------------------------------- 1 Der Passus von den Worten an: „in den Augen..." eigenhändige Korrektur Bismarcks.
2 Der letzte Relativsatz: „der unsre Sympathien... " eigenhändige Korrektur Bismarcks.