Full text: Bismarck Die gesammelten Werke. Band 6b. (6b)

Eventuelle Einberufung des Reichstags. Bedrohung von Maim. 355 
1502. Telegramm an den Dräsidenten 
des Bundeskanzleramts Delbrück. 
[Entzmifferung.] . . 
Varzin, den 1 1. Juli 1870. 
labgesandt: 7a# nachm. 
angekommen: 9° nachm.] 
Telegramm erhalten. Wir werden, wenn die Dinge in Paris nicht eine andere Wendung 
nehmen, in diesen Tagen den Aeichstag einberufen müssen. Ich bin Dienstag" abend in Berlin. 
R. H. Lord, The Origins of the War of 1870, p. 192. 
1593. (Telegramm an den Staatsminister von Koon. 
[Enttifferung.)] 
Nachdem von Bismarck am 10. Juli (ogl. Ar. 1582) beim Auswärtigen Amt „Vorbereitungen 
gegen Überfall von Mainz“ angeregt waren, hatte Abeken am 71. im Auftrage des Königs an 
den Kriegsminister v. Roon telegraphiert. Siehe den Wortlaut des Abekenschen Telegramms 
bei R. H. Lord, a. a. O., p. 186 
Varzin, den 12. Juli 1870. 
labgesandt: 72 vorm. 
angekommen: 87° vorm.) 
Kann MWainz durch Abeindampfer von Straßburg her in weniger als 48 Stunden in 
Verlegenheit gebracht werden? 
1594. Telegramm an das Auswäriige Amt. 
[Enttifferung.] 
Aus Abekens Celegramm vom 10. Juli (ogl. Ar. 1588, Vorbem.) hatte Bismarck erseden 
müssen, daß man in Sigmaringen trotz der Ermutigung, die er am 6. dem Sürsten Karl Anton 
und dem Erbprinjen durch den Kronprinzen hatte zuteil werden laslen, sich mit der Absicht 
trug, von der Kandidatur zurückjutreten. Der Kanzler wird schon vorber weifelhaft geworden 
lein, ob die Kandidatur sich aufrechterhalten lasse, nicht wegen des in Daris entstandenen 
Lärms und noch weniger wegen Gramonts Drohrede vom 6., die im Gegenteil eine Abstand- 
nahme von der Kandidatur aufs äuherste erschwerte, wohl aber wegen der Stellungnahme Eng- 
lands und Außlands, also der beiden Mächte, auf deren Haltung es bei einem über der 
Kandidatur entstehenden kriegerischen Konflikkt mit Srankreich ankam. So batte Graf Bern- 
Ktorff am 7. Juli gemeldet, daß Lord Granville die Kandidatur des Erbprinzen entschieden 
tadele und von der Weisheit und Sriedensliebe König Wilbelms deren Aichtgenehmigung 
erboffe (Lord, a. a. O., p. 140). In gleichem Sinne telegraphierte Prin; Reuh am 9., Kaiser 
Alexander II. bitte den König dringend, jede Justimmung zu der Kandidakur zu desavoujeren; 
eine Unterstützung des Prinzen babe kein eess3 und ein Konflikt mit Frankreich sei ein zu 
boher Preis dafür (a. a. O., 8 164). Unter diesen Umständen konnte Bismarck nur in einem 
kreiwilligen und selbständigen Verzicht des Erbprinzen einen Ausweg aus der Sackgasse seben, 
in die man zu geraten drobte. Heftig aber verdroh es ihn, daß Fürst Karl Anton, statt den Ent- 
schluß aus Eigenem zu fassen, die Entscheidung auf den König abjuwälzen suchte. Wie wir 
wissen (ogl. Nr. 1588), riet er dem Könige, den Sürsten überhaupt nicht zu antworten. Auch 
nach Berlin ließ Bismarck durch Keudell am 10. die Weisung gelangen, „von weiterer Korre- 
spondenz mit dem Sürsten gant abzusehen“, (Keudell an Thile, 10. Juli 1870). Am 12. früh 
erbielt Bismarck nun ein Telegramm Abekens vom Nachmittage des 11., aus dem sich einer- 
leits ergab, daß aus Sigmaringen infolge der Abwesenheit des auf einer Alpentour weilenden 
Erbprinzen noch teine Entschließung vorlag, andererseits daß eine neue scharfe Pression 
Benedettis auf den König eingesetzt hatte, damit dieser in den Erbprinzen dringe, seiner 
Kandidatur zu entfsagen. Das Abekensche Telegramm besagte: „Se. Wojestät schickt mir eben, 
1 12. Juli.