Full text: Bismarck Die gesammelten Werke. Band 6b. (6b)

Bismarcks Stimmung nach Nücktritt des Erbprimen. 
hen Gesundheit abhängen, die „bei Kulmination der Karlsbader Kur nach mehreren schlechten 
Vãächten und starker Blutaufregung“ nicht unbedenklich erscheine. Catsächlich trat der Kansler 
die Sahrt am Vormittag des 12. Juli an. Es scheint, dah ihm ein höherer Beamter des Aus- 
wärtigen Amts, vielleicht Lehationerat o. Bülow, mit den neuesten Eingängen, darunter einem 
Telegramm Abekens vom Abend des 11. Juli entgegenfuhr. Aus diesem Telegramm mußte 
Bismarck entnehmen, dah der König sich keineswegs genau nach den Natschlägen richtein die 
ihm von Varzin aus erteilt waren. Wenn der Kanzler am 10. empfohlen hatte (ogl. Nr. 1588), 
dem Fürsten Karl Anton, der die Entscheidung dem Könige zuruschieben suchte, Eerthaugtt nicht 
m antworten, so ergab Abekens Telegramm, daß der König om gleichen Tage noch dem Sürsten 
Falchrieben better „Stellung Jei wie vorder, bei dem Fürsten sei Entscheidung, bei ihm Zu- 
stimm . Schon das Wort „Sustimmung“ erregte bei Bismarck Bedenken; er schrieb an 
den s. „Gu slsn*m Offenbar wünschte er eine positive Zustimmung des Königs ver- 
mieden zu seben, über ein stillschweigendes Geschehenlassen sollte nicht binausgegangen werden. 
Erst recht verstimmte den Kanzler die in Abekens Telegramm entbaltene Mitteilung, daß der 
önig zu seiner dringlichen Warnung, ebenfalls vom 10.: „Meines alleruntertänigsten Dafür- 
baltens gollten keinerlei Außerungen des Erbprinzen an frangösische oder spanische Adresse durch 
(Vermittlung Seiner Mojestät oder der s2 „ Gehendschaften befördert werden“ (ogl. 
Ar. 1883), das Warginal gefügt batte: ach en drid muß der Erbprinz direkt sich aus- 
Iprechen, erzöhlen kann man hier an Graf Seeedert zwas geschehen ist“". Zu dem Worte 
„aussprechen“ schrieb Bismarck seinerseits an den Van Fheschebn Warum? worüls7 
und was?“; er scheint also nicht etwa eine einfache —3 des Erbprinzen, sondern 
nur eine folche für angebracht gebalten zu haben, die die Solgerung von vornherein ausschloh, 
daß der Rücktritt unter franzölischem Druck erfolge. Wie Bismarck sich jelbst die Rücktritts- 
erklärung des Erbprinzen gedacht bat, ist uns ja aus seinem Celegramm vom Morgen des 12. 
(ogl. Ar. 1594) bekannt. Da es nun in Abekens Telegramm weiter hieß. daß Denedetlt nach 
leiner zweiten Audien) erklärt habe, er nehme es auf sich, noch 24 Stunden in Ems m bleiben, 
obwohl man in Paris schon beute Antwort erwarte, so mußte Bismarck belorgen, daß der 
König dem französischen Botschafter nicht nur eine ausdrückliche Villigung des zu erwartenden 
Thronversichts des Erbprinzen zugesichert, londern auch die sofortige Übermittlung der Sig- 
maringer Entscheidung in Auslicht gestellt babe. Auf diese Weise bätte der König, den 
Bismarck möglichst aus der Schuhlinie berauszuhalten bestrebt war, sich in wiefacher Hinsicht 
in sie bineinbegeben und der fromkölischen. Regierung die Chance geboten, sich nach der bisber 
ungeohndet gebliebenen Gramontschen Drohrede mit einem großen diplomatischen Erfolge aus 
Affäre berausjiehen. Für den preußischen und den dunastisch-hohenzollernschen Aimbus, 
der Bismarck doch gerade mittels der Hobenjollernkandidatur zu erböhen gehofft hatte — ogl. 
seine Denkschrift vom 9. AMüär) 1870 —, bedeutete das eine schwere Cinbuße. Dse trübe Ge- 
mütsstimmung, die die Kenntnisnahme des Abekenschen Telegramms vom Nachmittage des 
11. Juli bei Bismarck hervorrufen mußte, konnte sich nur lteigern, als er bei leiner Ankunft in 
Berlin ein weiteres Celegramm aus Ems erhielt, nach dem inwwichen in Sigmaringen der 
Entschluß, von der Thronkandidatur zmurückz;utreten, wirklich im Verfolg des Königlichen 
Schreibens vom 10. Juli gefaht worden war. Das Telegramm lautete (Lord, a. a. O., p. los f.): 
„Das in gestrigem Telegramm Nr. 22 gemeldete Schreiben Seiner Mojestät an Sürst von Hoben- 
dlollern, daß die Cntscheidung gan; allein bei dem Prinzen, war durch zufällig hier onwesenden 
öberji Strantz nach Sigmaringen gebracht. Dieser telegraphiert beute morgen kurs: „Erb- 
prinz tete freiwillig zurück; er selbst (Strantz) werde morgen mittag in Ems mrück sein“ — 
Seine Mojestät hat mir mnöchst volle Lebeimaltunz besoblen; wird an Graf Benedetti nur 
lagen, da morgen Außerung des Sürsten kommen könne, über Indalt aber nichts mitteilen, 
bis Er Graf Bismarck gesprochen, dessen schleuniges Kommen daher nötig Es war in dem 
Telegramm zwar betont, daß der König nicht etwa auf den Entschlu 9nt Sürsten Karl Anton 
einmwirken gesucht bobe, auch ugelichert daß vor Bismarckes Ankunst in Ems dem fran- 
ischen Votschafter über den Ausfall der Sigmaringer Cntschliehung noch nichts gesagt werden 
¾| le; indessen leho Bismarck doch vorher, daß es außerordentlich schwer balten werde, vor 
Curopa und vor Deutschland den eirdrur eines von Grankreich aufgezwungenen Rückzuges mu 
vermeiden. Seine Gemtsverfallung in diesem Augenblick wird im wesentlichen so gewesen 
lein, wie er sie in dem berühmten Kapitel der „Gedanken und Erinnerungen“ über die Emser 
Depesche (II, 84 ff.) ergreisend geschildert hat. Kur darf man billig bezweifeln, d er 4zwerlic 
bereits die Portie aufgegeben und kein Mittel mehr gesehen hätte, „den fressenden Schaden, 
den ich von einer FMchtenen Politik für unfere nationale Stellung befürchtet 5 
wieder gutzumachen, ohne Händel ungeschickt vom Saune m brechen und künltlich zu uchen“. 
Bot sich dam denn nicht ganz ungesucht in der Gramontschen Rede vom 6. Juli ein ittels 
Konnte nicht durch eine Berufung des Reichstags, die Bismarck doch schon unmittelbor nach der 
Gramontschen Vede ins Auge gefaht hatte (ogl. Tr. 1578), und im Anschluh daran durch ein 
kühnes Vorgeben in der deutschen Frage die Hituation gerettet werden? Wenn sich Achen ein 
Abeken in der Voraussicht des Thronverzichts des Erbprinzen klar gemacht bat, daß dann 
der eimige EAlusweg. sein werde, sich den Trandolen zum Trotze mit Suddeutjchland i einigen 
(Heinrich Abeken, S. 381), jo wird eln Blsmarch diesen Ausweg HLcherlich mit noch gröherer 
Deutlichweit vor Augen gebabt boben. 
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