Full text: Bismarck Die gesammelten Werke. Band 6b. (6b)

454 Vernstorff loll englische Presse auf deutsche Friedensbedingungen vorbereiten. 
*1755. Erlaß an den Boischafter in London 
Grafen von Bernstorff. 
[Konrept don der Hand des Vortragenden Rats Abeken.] 
Pont-à -Monfson, den 21. August 1870. 
Sw. pp. habe ich bereits auf telegraphischem Wege pLurz mitgeteilt:, daß ich mit der 
in Ihrem gefälligen Bericht Ar. 242 vom 17. d. M. ausgesprochenen Absicht einverstanden 
bin, durch eine vorerst mehr akademische Besprechung in den bedeutendsten englischen Blättern 
schon jetzt die öffentliche Meinung auf die Sriedensbedingungen vorzubereiten, welche wir bei 
einem fortdauernd glücklichen Erfolge unserer Waffen würden an Grankreich stellen müssen. 
Ich finde dies um so richtiger, weil wir hier bei dem gesunden Sinn des englischen Volkes 
vielleicht leichter auf ein Verständnis rechnen dürfen als bei den in den französischen 
Sumpathien der letzten Jahre erwachsenen Staatsmännern. Die öffentliche Meinung in 
England wird es begreifen, daß wir eine baldige Wiederbolung der ungeheuren Opfer, welche 
dieser Krieg unserem Volke, von den Palästen bis zu den Hütten, kostet-, nach Möglichteit 
verhüten, ulnd] daß wir namentlich Süddeutschland gegen die Gefahr seiner offnen Lage 
besler sichern müssen als bisber, wo von Straßburg aus bei geschickter ulnd) energischer 
Führung nicht nur Baden, sondern Würtemberg ulnd] Baiern jederzeit überfallen werden 
Kkönnen. Wir stehn heute im Gelde gegen den 12. oder 15. Ueber fall ulnd] Eroberungskrieg, 
den Grankreich seit 200 Jahren gegen Deutschland ausführt. 1814 und 1815 suchte man Bürg- 
schaften gegen Wiederholung dieser Griedenstörungen in der schonenden Bebandlung Grank- 
reichs. Die Gefahr liegt aber in der unheilbaren Herrschsucht ulnd) Anmaßung, welche dem 
französischen Volkscharacter eigen ist ulnd) sich von jedem Herrscher des Landes zum Angriff 
auf friedliche Rachbarstaaten mißbrauchen läßt. Gegen dieses Uebel liegt unser Schutz nicht 
in dem unfruchtbaren Versuche, die Empfindlichkeit der Franzosen momentan abzuschwächen, 
sondern in der Gewinnung gut befestigter Gränzen für uns. Wir müssen dem Druck ein Ende 
machen, den Grankreich seit zwei Jahrhunderten auf das ihm schutzlos preisgegebene Süd- 
deutschland ausübt, und der ein wesentlicher Hebel für die Serrüttung der deutschen Verhält- 
nisse geworden ist. Srankreich hat sich durch die konsequent fortgesetzte Aneignung deutschen 
Landes und aller natürlichen Schutzwehren desselben in den Stand gesetzt, m jeder Seit mit 
einer verhältnismäßig kleinen Armee in das Herz von Süddeutschland vorzudringen, ehe 
eine bereite Hilfe da sein kann. Seit Ludwig XIV., unter ihm, unter der Nopublik, unter 
dem ersten Kaiserreich haben sich diese Cinfälle immer und immer wiederbolt; und das Gefühl 
der Ungicherheit, welches sie zurückgelassen, und die Surcht vor einer Wiederholung dieses 
Schrecknisses zwingt die süddeutschen Staaten, den Blick stets auf Srankreich gerichtet m 
halten. Wir können nicht immer auf eine außerordentliche Erbebung des Volkes rechnen 
und der Nation nicht anjinnen, stets das Opfer so starker Rüstung zu tragen. Wenn die 
SEntwaffnungstheorie in England ehrliche Anhänger hat, so müssen dieselben wünschen, daß 
die nächsten Nachbarn Frankreichs gegen diesen alleinigen FSriedensstörer Europa's mehr 
als bisher gesichert werden". Daß in den Franzosen dadurch eine Bitter keit geweckt 
— — 
1 Slebe Ar. 1754. 
: Der Aest des Satzes und die vier folgenden Sätze bis ju den Worten; „gut bekestigter Gränzen für 
uns“ eigenbändige Korrektur Biemarcks. 
Der Sat eigenbändiger Zusatz Bismarcks.