540 Graf Chambord und Fürstin Saun-Wittgenstein.
Seine Mojestät der König demnächst beabsichtigen, die deutschen Fürsten zur persönlichen Be-
sprechung der Sriedensbedingungen und der deutschen Grage hierher einzuladen, und diese
Einladung zuerst an Seine Majestät den König von Bauern richten wollen.
1838. Schrelben an die Fäürstln zu Sayn-Wittgenstein.
[Konfept von der Hand des Vortragenden ARats Abeken.]
Am 1. Cktober batte der Graf von Chambord, das Haupt der französischen Bourbons,
aus Averdon in der Schweiz) ein Schreiben an König Wilbelm I. gerichtet, das die Sürstin Saun-
Wittgenstein mit einem Begleitschreiben vom 5. an Bismarck jur Übermittelung an den König
landte. Das Schreiben des Grafen Chambord, das die Großmut des Königs #uaunsten des
geschlagenen Srankreich anrief, war getragen von der Hofinung. daß er, wenn seine Bitte Berück-
ichtigung finde, berusen sein werde, den Thron Srankreichs wieder einzunehmen und so das
rinfip des monarchischen Erbrechts in Curopa von neuem jur Geltung mu bringen.
Versailles, den 1 1. Oktober 1870.
Snädigste Sürstin.
Ew. Durchlaucht haben nicht Unrecht m Jagen, daß ich überhaupt sein würde; aber ein
Schreiben von öhrer Hand ist stets eine willkommene Ülberraschung, und es bedurfte keiner
Entschuldigung, daß Ew. Durchlaucht eine Gefälligkeit nicht ablehnten, welche von golcher
Seite her erbeten wurde.
Seine Majestät der König hat das Schreiben des Herrn Grafen von Chambord gern ent-
gegengenommen und sich gefreut, daß letzterer sich vertrauensvoll an ihn gewandt hat. Wenn
der König nicht perfönlich und direkt darauf antwortet, so hofft Seine Majestät, daß der
Herr Graf von Chambord die Rücksichten würdigen werde, welche Seiner Maojestät diese
Enthaltung für jetzt auferlegen. Seine Majestät handelt unter dem Eindrucke des Gefühls,
daß es zur Seit nicht möglich ist, für eine Correspondenz, welche so beschaffen sein muß, daß
sie die Offentlichkkeit nicht zu scheuen hat, Sorm und Snhalt in einer Weise zu bemessen, welche
für beide hohe Correspondenten ulnd) für die von ihnen vertretenen Interessen gleich be-
friedigend wäre.
Der König begreift und würdigt die Gefühle, welche in diesem ernsten Augenblicke
gerade den Herrn Grafen von Chambord bewegen müssen; und in Seiner Majestät Herzen
finden die Sympathien einen Widerklang, welche der Enkel so vieler Könige von Frankreich bei
den Leiden seines Baterlandes empfindet. Der Herr Graf pricht die Hoffnung aus, daß
man in Frankreich zu erkennen beginne, wie in dem Prinzip des monarchischen Erbrechtes,
welches ihn mit Frankreich verbindet, die Heilung für die Wunden des Landes gefunden
werden könne. Gewiß wird es Seiner Majestät dem Könige zu boher Befriedigung ge-
reichen, wenn diese Hoffnung sich erfüllte, und wenn die franzölische Aation ihren inneren
Frieden dadurch wiederfindet, daß sie sich von den Grundsätzen durchdringt, welche den in
Deutschland bewadrten Überjeugungen entsprechen; und würde sich der König freuen, falls
dem Herrn Grafen von Chambord von der Vorsehung die Mission, Grankreich zu beruhigen,
vorbehalten wäre, mit ihm in den Besiehungen nachbarlicher Greundschaft mu leben, welche
beide Vationen immer pflegen sollten. Dazn bedarf es, wie der Herr Graf von Chambord
1 Die beiden letzten Sätze eigenbändiger Zusatz Bismarcks.