138 Der Friede.
davon, ob diese Länder dem aufgegebenen Vorpommern gleich kamen, war der
Besitz Halberstadts, noch mehr der von Magdeburg dadurch in eine unbestimmte
Zukunft gerückt, daß die Ubernahme erst nach dem Tode des zeitigen Inhabers
aus dem Hause Sachsen erfolgen solle, war ferner die Regulierung der Grenzen
gegen Schwedisch-Pommern weiteren Besprechungen vorbehalten, und so auch der
Anlaß zu kriegerischem Einschreiten Schwedens gegen Brandenburg gegeben. Es
war aber weiter Brandenburg vom Meer fast ausgeschlossen, da die wenig
entwickelte Küste Hinterpommerns mit dem kleinen Hafen von Colberg, dem der
Kurfürst später in Leba einen zweiten hinzuzufügen suchte, einer maritimen Entwickelung
keine rechte Möglichkeit bot. Durch den Besitz Vorpommerns, Verdens
und Bremens und die zugleich gewährte Reichsstandschaft war Schweden gerade
für Brandenburg der Felsen geworden, an dem jedes Emporringen erfolglos abgleiten
mußte. Die Existenz, das Leben Brandenburgs hing daran, daß diese
Fremdherrschaft vor seiner Thür und auf deutschem Boden, die das wirtschaftliche
Leben von ganz Deutschland unterbunden hatte, beseitigt wurde. Auf Vorpommern
ferner hatte Brandenburg das beste und begründetste Recht gehabt, die kaiserliche
Politik hatte es ihm genommen und dafür in jenen Stiften Ansprüche gegeben,
die an vielen Orten Eifersucht erweckten und Gegenansprüche hervorriefen. Ebenso
waren die Rechte Brandenburgs in den rheinischen Landen keineswegs auerkannt
worden, sondern die unklaren Verhältnisse dauerten dort fort, und die Ansprüche
Pfalz Neuburgs. bildeten einen Zunder, der nur des Funkens bedurfte, um den
Kampf aufs neue hervorzurufen, den Kampf, der unfehlbar wieder ein allgemeiner
werden zu müssen schien. Währte doch noch der Krieg zwischen Spanien und
Frankreich fort, und wenn der Kaiser eine günstige Gelegenheit zu erneuter Unterstütung
Spaniens ergriff — wie mochte man nicht zagen, daß er auch das Reich
wieder hineinziehe in den Kampf! Und wenn der Ausbruch des Krieges auch
zwischen Polen und Schweden nur wie an einem Faden hing — wer sah nicht,
daß Brandenburg dann wie zwischen Hammer und Ambos lag? Rechnet man
hierzu die zerrissene und getreunte Lage der bisher nur durch die Person des
Landesherrn vereinten brandenburgischen Länder, die sich von einander streng abschlossen,
die aufsässige und übermütige Haltung der Stände, die überdies in Preußen
an Polen, in den Rheinlanden an den Generalstaaten eine Stütze hatten, rechnet
man endlich die Armut, das Elend, ja die völlige Verkommenheit der Lande hinzu,
so erkennt man, welche Riesenaufgabe es war, aus diesen Ländern und den
verschiedenen Rechten, die der Landesherr in ihnen hatte, membra unius
capitise, eines Hauptes Glieder, einen Staat zu schaffen, man zweifelt an dem
Gelingen. Der Kurfürst Friedrich Wilhelm ging unverzagt ans Werk oder vielmehr
setzte mit neuem Mut die begonnene Arbeit fort. Er mußte sehen, wie er
sich durch den Widerwillen, die Trägheit und Unlust im Innern, durch die Eifersucht
und Mißgunst der Mächte hindurch wand, wie er trotz aller Feinde den
Frieden bewahrte. Niemals, meinte er, sei ein Fürst in ähnlicher Bedrängnis
gewesen wie er, weder Salomo noch David sei es so schwer geworden, zu finden,
was zu thun sei, und mit Davids Worten betete er wohl „Herr, zeige mir
den Weg, den ich gehen kann“.