Metadata : Europäischer Geschichtskalender. Neue Folge. Vierunddreißigster Jahrgang. 1918. Erster Teil. (59a)

192  HPestsches  Neicz.  (Juni  8.—12.)

Dr.  Paasche  (Natl.)  187  Stimmen.  (Die  Abgg.  Dove  und  Dr.  Paasche
waren  bereits  bisher  Vizepräsidenten.  Abg.  Scheidemann,  M.  d.  R.  seit  1903,
wurde  schon  am  9.  Febr.  1912  zum  ersten  Bizepräsidenten  des  Reichstages
gewählt,  unterlag  aber  bei  der  endgültigen  Wahl  am  7.  März  gegenüber
dem  Abg.  Paasche.)  «

Sodann  tritt  das  Haus  in  die  zweite  Lesung  des  Haushalts  des
Reichsamts  des  Innern  ein,  die  am  11.  (s.  S.  193)  beendet  wird.

Gegenüber  den  Zweifeln  verschiedener  Blätter,  ob  der  neugewählte
soz.  Vizepräsident  des  Reichstages  seinen  Repräsentationspflichten  genügen
wolle,  schreibt  der  „Vorwärts"“  (am  9.):  Ob  sich  an  die  übliche  Anzeige
der  Wahl  des  Präsidiums  an  den  Kaiser  diesmal  auch  ein  Empfang  knüpfen
wird,  ist  zweifelhaft,  da  die  Wahl  nicht  zu  Beginn  der  Legislaturperiode
stattfand.  Sollte  ein  Empfang  beabsichtigt  sein,  so  ist  daran  zu  erinnern,
daß  sich  die  Situation  seit  dem  Kriege  wesentlich  geändert  hat.  Denn  aus
kaiserlichem  Munde  wurde  1914  das  Wort  gesprochen:  „Ich  kenne  keine
Parteien  mehr,  ich  kenne  nur  noch  Deutsche.“  Das  vor  dem  Kriege  geltend
gemachte  Bedenken,  daß  der  Vizepräsident  einem  Manne  seinen  Besuch
abstatten  würde,  der  sich  persönlich  als  Feind  und  Bekämpfer  der  Soz.
bekennt,  wurde  damit  hinfällig.  Tatsächlich  hat  ja  auch  schon  vor  einiger
Zeit  gelegentlich  eines  parlamentarischen  Abends  beim  Staatssekretär
Dr.  Helfferich  eine  persönliche  Zusammenkunft  und  Aussprache  des  Kaisers
mit  führenden  soz.  Parlamentariern  stattgefunden,  so  daß  der  Empfang  des
soz.  Vizepräsidenten  nicht  einmal  ein  Novum  darstellen  würde.

8.—9.  Juni.  (Berlin.)  Tagung  des  Zentralausschusses  der

Fortschr.  Vp.

Abg.  Dr.  Pachnicke  referiert  über  den  Wahlrechtskampf  in  Preußen,
Abg.  Fischbeck  über  die  Lage  im  Reich.  Bezüglich  des  ersten  Punktes  wird
einstimmig  ein  Beschluß  angenommen,  worin  es  heißt:  Der  Z.  erachtet  die
kgl.  Botschaft  v.  11.  Juli  1917  nur  dann  als  durchgeführt,  wenn  das  gleiche
Wahlrecht  bedingungslos  und  ohne  Kürzung  der  Rechte  des  Abgeordnetenhauses
  zur  Annahme  gelangt.  Verharrt  das  Abgeordnetenhaus  bei  seinem
Widerstande,  so  ist  es  ohne  weitere  Verzögerung  aufzulösen.

9.—10.  Juni.  (Sachsen.)  Parteitag  der  sächs.  Soz.  in  Dresden.

Es  ist  die  erste  Landesversammlung  seit  Kriegsbeginn.  Nach  dem
Geschäftsbericht  ist  die  Zahl  der  Mitglieder  von  177000  im  Jahre  1914
auf  rund  23000  zurückgegangen.  Ungefähr  70000  sind  zum  Heeresdienst
eingezogen,  62000  zu  der  Unabh.  Soz.  übergegangen.

11.—12.  Juni.  (Berlin.)  Besuch  des  österr.-ung.  Ministers
des  Ausw.  Graf  Burian.

Die  „Nordd.  Allg.  Ztg.“  schreibt  dazu:  Der  Zweck  des  Besuches  ist
ein  doppelter:  Er  gilt  zunächst  der  persönlichen  Fühlungnahme  des  neuen
Leiters  der  österr.-ung.  ausw.  Politik  mit  den  Männern,  welche  die  Staatsgeschäfte
  des  verbündeten  Deutschen  Reiches  führen.  In  dem  gegenwärtigen
Zustande  der  Beziehungen  zwischen  Deutschland  und  Oesterreich-Ungarn
gewinnt  diese  persönliche  Fühlungnahme  ganz  besondere  Bedeutung.  Seit
der  amtlichen  Mitteilung,  welche  über  die  Begegnung  der  Monarchen  der
verbündeten  Mittelmächte  im  deutschen  Hauptquartier  gemacht  wurde
(s.  S.  176  fl.),  ist  es  bekannt,  daß  die  beiden  Regierungen  übereingekommen
sind,  das  bisher  bestehende  Bündnis  in  eine  neue  und  noch  festere  Form
zu  bringen.  Dieser  Entschluß  ist  von  der  Oeffentlichkeit  beider  Länder,  soweit
  sie  positiv  auf  dem  Boden  des  Staates  steht,  begrüßt  worden  als  eine