Full text : Europäischer Geschichtskalender. Neue Folge. Dreiunddreißigster Jahrgang. 1917. Zweiter Teil. (58b)

HPie  I##rreichisch-ungarische  Monarchie.  (Dezember  5.)  221

bereit  ist.  Ich  habe  seit  Beginn  des  Krieges  keinen  Augenblick  daran  gezweifelt,
  daß  wir  diesen  Krieg  in  ehrenvoller  Weise  beenden  werden,
doß  es  uns  gelingen  wird,  das  Ziel  zu  erreichen,  das  wir  uns  gesteckt
haben.  Ich  bin  fester  denn  je  davon  überzeugt,  aber  ich  bin  auf  der  anderen
  Seite  auch  überzeugt,  daß  wir  noch  nicht  am  Ende  sind  und  noch
manch  schwierige  Aufgabe  zu  bewältigen  haben  werden,  bis  wir  endlich
in  den  schützenden  Hafen  einlaufen.  Es  ist  uns  genau  bekannt,  daß  die
westliche  Entente  mit  allen  Mitteln  versuchen  wird,  die  Friedensbestrebungen
  Rußlands  zu  durchkreuzen,  und  ich  bin  fest  überzeugt,
daß  wir  hier  noch  auf  große  Schwierigkeiten  stoßen  werden,  die  wir  eben
werden  überwinden  müssen.  Wir  wollen,  m.  H.,  einen  sofortigen,  wenn
möglich  allgemeinen  Frieden.  Wir  wollen  nicht  versuchen,  Rußland  von
seinen  bisherigen  Alliierten  abwendig  zu  machen.  Aber  der  Weg  zu  einem
allgemeinen  Frieden  kann  wohl  nur  über  Rußland  führen,  weil  Rußland
der  einzige  Staat  ist,  der  friedensgeneigt  ist.  Die  Friedensbedingungen,
unter  welchen  wir  heute  zu  verhandeln  bereit  sind,  sind  vollständig  bekannt.
Es  sind  die,  daß  wir  weder  Annexionen  noch  Kompensationen  fordern,
daß  wir  auf  dem  Standpunkte  stehen,  daß  ebenso  wie  Rußland  auch  wir
das  souveräne  Recht  der  Regierung  in  Anspruch  nehmen,  unsere  internen
Angelegenheiten  selbständig  zu  regeln.  Wenn  Rußland  wirklich  den  Frieden
will  —  und  es  ist  kein  Zweifel,  daß  es  ihn  will  —,  so  ist  es  in  der  Lage,
seinen  Standpunkt  der  Westentente  klarzumachen.

Unsere  heutige  Lage  möchte  ich  durch  ein  Bild  charakterisieren.  Die
MWonarchie  gleicht  einem  Schiff  auf  stürmischem  Meer.  Von  Tod  und  Gesahr
  umdroht,  zieht  es  seinen  Weg.  Noch  hat  es  viele  Gefahren  zu  überwinden.
  Noch  schwankt  es  hin  und  her  im  Aufruhr  der  Elemente.  Aber
von  dem  hohen  Mastkorbe  des  Schiffes  aus  sieht  man  Land.  Alle  Mann
an  Bord  sollen  es  wissen,  daß  wir  noch  viel  zu  kämpfen  und  auszuhalten
haben  werden,  bis  wir  in  den  schützenden  Hafen  des  Friedens  werden  einlausen
  können.  Aber  erreichen  werden  wir  den  ehrenvollen  Frieden,  wenn
lur  die  eine  Parole  gilt:  Durchhalten!

Die  Rede  des  Ministers  wird  mit  lebhafter  Zustimmung  ausgenommen.

5.  Dez.  Abschluß  einer  zehntägigen  Waffenruhe  in  Brest-Litowsk.
Näheres  s.  in  dem  besonderen  Abschnitt  am  Schluß  des  Kalendariums.

5.  Dez.  (Delegationen.)  Leistungen  der  Kriegsverwaltung.

Im  Heeresausschuß  der  ungarischen  Delegation  erstattet  der  gem.
Kriegsminister  General  d.  Inf.  v.  Stöger-Steiner  ein  ausführliches  Exposs
über  die  Leistungen  der  Kriegsverwaltung,  das  er  mit  folgenden
allgemeinen  Mitteilungen  einleitet:  Als  wir  vor  mehr  als  drei  Jahren  in
den  Krieg  eintraten,  gingen  wir  wohl  mit  dem  Bewußtsein  in  den  Kampf,
daß  trotz  aller  schmerzlichst  erkannten,  aber  seitens  der  Armee  unverschuldeten
Nückständigkeiten  wenigstens  die  jahrelange,  ehrliche  und  strenge  Friedensarbeit
  an  uns  nicht  spurlos  vorübergegangen  sein  konnte.  Die  Erfahrungen
der  letzten  und  allerletzten  Kriege  waren  bei  uns  redlich  studiert  und  ausgewertet
  worden;  sie  wurden  in  ihren  Konsequenzen  allseitig  mit  offenen
Augen  auf  die  Ausbildung  des  Einzelnen  wie  der  Massen  übertragen.  Auch
bei  uns  hat  es  innerhalb  der  leitenden  Militärkreise  nicht  an  dem  Versändnisse
  gefehlt,  daß  der  gesamte  moralische  und  materielle  Zustand  der
Wehrmacht  gehoben  werden  müsse,  und  es  sind  redliche  Anstrengungen  seitens
der  Kriegsverwaltung  zur  Erreichung  dieses  Zieles  gemacht  worden;  leider
mußte  sich  die  Kriegsverwaltung  vielfach  der  finanziellen  Leistungsfähigkeit
der  Monarchie  anpassen  und  mußte,  sich  der  Wucht  dieses  Arguments  unter-