Full text : Der Kanzler.

und  vergnügten,  nunmehr  6  Monate  und  eine  Woche  alten
Jungen  geschenkt,  welchen  letzteren  sie  selbst  nährt  ...  Die
Besorgnis,  daß  der  Erfurter  Humbug  mich  wieder  in  En—
spruch  nehmen  werde,  tritt  in  den  hintergrund,  und  ich  bin
sehr  neugierig,  wie  unser  Minister  und  herr  v.  Radowitz,
der  „Kluge"  katexochen,  es  anfangen  werden,  die  eigene
Eitelkeit  und  Mönigliche  Ichwärmerei  so  weit  zu  betrügen,  daß
sie  sich  aus  dem  Lande  der  Romantik  wieder  in  irgend  eine
—irklichkeit  herein  lavieren.  Uber  Radowitz  existiert  viel  Irrtum
  in  dieser  Welt.  Die  Meisten  halten  ihn  für  eine  dämonische
  Natur,  von  großartigen  geistigen  hilfsquellen,  die
irgend  welche  geheime  Swecke  mit  überlegener  Geisteskraft
und  Energie  verfolgt;  das  Düstre  seiner  südflavischen  Physio—
gnomie,  das  Geheimnisvolle,  in  welches  er  sein  Wesen  zu  drapieren
  beliebt,  bestärken  in  dieser  Ansicht.  Wenn  ich  auch
von  ihm  nicht  sagen  will,  wie  jener  Dreußische  General  von
Uapoleon:  „uf  Ehre,  en  seelensguter  Nerl,  aber  domm,
domm  !“  so  ist  doch  Radowitz  ein  Mann,  der  sich  in  nichts
über  das  Uiveau  der  Gewöhnlichkeit  erhebt,  als  in  einem
erstaunlichen  Gedächtnis,  vermöge  dessen  er  brockenweis  ein
umfangreiches  Wissen  in  ihm  der  That  nach  fast  unbekannten
  Fächern  affectirt,  und  recht  gute  Reden  für  die  Gallerie
und  das  Centrum  auswendig  lernt,  auch  hat  er  die  schwachen
Seiten  unseres  allergnädigsten  Herrn  gut  studiert,  weiß  ihm
durch  Mienen  und  große  Worte  zu  imponieren,  und  seinen
Edelmuth  und  seine  Schwäche  auszubeuten.  Im  UÜbrigen  ist
ist  R.  als  Drivatmann  eine  anständige  und  vorwurfsfreie
Persönlichkeit,  ein  vortrefflicher  amilienvater,  als  olitiker
aber  ohne  irgend  eine  eigene  Idee,  von  kleinlichen  Expedients
lebend,  nach  Dopularität  und  Beifall  haschend,  getrieben  von
einer  immensen  persönlichen  Eitelkeit,  von  Seitungsdeklamationen
  und  von  der  sogenannten  öffentlichen  Meinung,  die
doch  nichts  ist,  als  die  Oberflächlichkeit  derjenigen  constitutionellen
  Schreier,  die  sich  am  unverschämtesten  geltend  zu  machen
wissen  ...  Wir  gehen  in  Deutschland  den  Weg  Frankreichs,
und  sind  jetzt  etwa  bei  1856  oder  1837  angekommen;  es  muß
uns  noch  sehr  schlecht  gehn,  ehe  es  uns  wieder  gut  gehn  kann.

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