Metadata : Kaiser Wilhelm II. Aus meinem Leben 1859-1888.

tierten  mich  über  die  Zarenfamilie  und  über  die  bevorstehenden  Festlichkeiten.
  Auf  dem  Bahnhof  in  Betersburg,  wo  ich  am  Nachmittag
des  17.  Mai  ankam,  war  der  übliche  Empfang,  auch  sämtliche  Großfürsten
  waren  erschienen,  und  Großfürst  Wladimir  hieß  mich  im  Auftrag
  des  Zaren  willkommen.  Er  brachte  mich  bei  Schlackerwetter
und  Regen  (Rasputiza)  nach  dem  Winterpalais,  wo  ich  von  den
Majestäten  empfangen  wurde.  Ich  benutzte  die  Gelegenheit,  um  dem
Zaren  sogleich  einen  Brief  meines  Großvaters  zu  überreichen.

Als  ein  Zeichen  besonders  zarter  Aufmerksamkeit  seitens  des  Zaren
empfand  ich  es,  daß  er  mir  zu  meinem  Aufenthalt  das  Ouartier
genau  unter  demjenigen  hatte  anweisen  lassen,  in  welchem  mein  Großvater
  gewohnt  hatte,  wenn  er  PBetersburg  besuchte.  Der  Blick  aus
den  Genstern  fiel  auf  den  großen  Blatz  vor  dem  Winterpalais,  die
Admiralität  sowie  auf  ein  Stück  Newakai.  Auf  dem  Platz  war,
durch  eine  hohe  Umzäunung  gegen  Blicke  Neugieriger  geschützt,  auf
Befehl  Alexanders  III.  ein  Garten  angelegt  worden,  in  dem  sich  die
Kaiserliche  Familie  ungestört  ergehen  konnte.  Die  Zimmer  waren
wohnlich  im  Geschmack  der  dreißiger  Jahre  eingerichtet,  nur  die  starke
Heizung  mit  heißer  Luft  verursachte  Unbehagen,  da  die  Fenster,  die
vom  Winter  her  noch  verklebt  waren,  mit  Ausnahme  eines  kleinen
Scheibchens  nicht  geöffnet  werden  konnten.  Ein  alter  dänischer
Kammerdiener  der  Zarin,  der  deutsch  und  russisch  konnte,  hat  vortrefflich
  für  mich  gesorgt.  Die  Verpflegung,  vor  allem  was  Tee  und
Gebäck  sowie  Suppen  und  Fischspeisen  der  rein  russischen  Küche  betraf,
  war  ausgezeichnet.

Bei  den  Festlichkeiten  fiel  es  mir  leicht,  mit  der  Katserlichen
Familie  bekannter  zu  werden,  da  alle  mir  mit  der  sprichwörtlichen
russischen  Liebenswürdigkeit  und  Ritterlichkeit  entgegenkamen.  Die
männlichen  Mitglieder  der  Familie  boten  einen  imposanten  Anblick,
da  sie  meist  das  durchschnittliche  Größenmaß  überschritten,  sie  alle
aber  wurden  von  der  gewaltigen,  robusten  Gestalt  Zar  Alexanders  III.

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