228 Großbritannien. (September 9. —Oktober 1.)
Lord Salisbury beteiligt sich nicht an dem Empfang und den den
Franzosen gegebenen Festen.
9. September. Der in New-Castle tagende Kongreß der
Gewerkvereine berät das Programm.
Matkin beantragt den folgenden Beschluß: „Daß nach der Ansicht
des Kongresses die Zeit gekommen sei, wo die britische Regierung im Verein
mit allen auswärtigen Regierungen die internationale Einführung des achtstündigen
Arbeitstag herbeizuführen sich bemühen und die Einberufung einer
internationalen Konferenz zu dem Zwecke erfolgen sollte.“ In der Begründung
dieses Antrages sagt Matkin, sein Beschluß solle durchaus nicht einen
anderen, die gesetzliche Einführung des achtstündigen Arbeitstages in Großbritannien
zum Gegenstand habenden überflüssig machen. Der Haupteinwand
sei, daß die kontinentalen Brüder viel länger arbeiten. Daß acht Stunden
genügen, dies zu bestreiten, habe noch niemand unternommen. Alle Anwesenden
werden darin übereinstimmen, daß die Produktionskräfte Englands
und der Welt allen an sie zu stellenden Anforderungen genügen. Sei dies
der Fall, so sei es idiotisch, 14, 15, 16 Stunden den Tag zu arbeiten, wenn
mittelst einer internationalen Konferenz ein der ganzen Menschheit Segen
bringendes Ergebnis erzielt werden könnte. Owen unterstützt den Antrag.
Die Stundenzeit könne nur international festgestellt werden. Die Fabrikanten
pflegen zu sagen, daß der Handel Englands leide, wenn die Arbeitszeit
des englischen Arbeiters herabgesetzt werde, England könne dann nicht
mehr mit dem Auslande konkurrieren. Der Deutsche Kaiser habe ein gutes
Beispiel gegeben. England solle ihm nur folgen. Owen ist in der Blechindustrie
beschäftigt, eine der denkbar ungesündesten. In den englischen
Blechfabriken haben die Arbeiter 10—12 Stunden zu arbeiten. Der Bergmann
Young von Northumberland beantragt darauf ein Amendement: daß
es nach Ansicht des Kongresses unmöglich sei, allgemeine Gleichförmigkeit
der Stundenzeit einzuführen, ohne diejenigen Arbeiter zu schädigen, in deren
Distrikten die natürlichen Verhältnisse dem Broderwerbe am ungünstigsten
seien. Der Kongreß könne daher die Einführung einer allgemein achtstündigen
Arbeitszeit nicht empfehlen. Der Kesselmacher Knigh von Newcastle
unterstützt das Amendement. Es sei ja sehr schön vom Deutschen
Kaiser, gewisse Dinge zu thun, um den gewerkvereinlichen Geist zu beruhigen.
Wie sei es aber thatsächlich: Kein deutscher Arbeiter wage es, auf internationalen
Kongressen zu erscheinen, aus Furcht, auf 12 Monate eingesperrt
zu werden. Das Parlament um Ordnung der Arbeitsstunden zu ersuchen,
hieße in der Geschichte um 100 Jahre zurückgehen. Damals allerdings regulierte
die Regierung nicht nur die Arbeitszeit, sondern sogar die Löhne.
Solle das Parlament um die Genehmigung einer Achtstundenbill angegangen
werden, so dürfe über Zeit nicht gearbeitet werden. Hierauf kam es zur
Abstimmung über das Amendement. Dasselbe wurde mit 302 gegen 136
Stimmen verworfen. Keir Hardie schlug sodann vor, die Hauptresolution
mit den Worten einzuleiten: „Der Kongreß bestätigt die Entscheidung des
Kongresses vom letzten Jahre über den gesetzlichen Achtstundentag.“ Die
Engländer können nicht warten, bis die autokratischen kontinentalen Staaten
ihren Arbeitern einen achtstündigen Arbeitstag bewilligt hätten. Großbritannien
sei in ökonomischen Dingen stets weiter gewesen als der Kontinent.
Hardis Amendement wird mit 232 gegen 163 Stimmen angenommen.
1. Oktober. (London.) Das Parlamentsmitglied James
William Lowther ist an Stelle Fergussons zum Unterstaatssekretär
im Auswärtigen Amte ernannt worden.