Full text : Europäischer Geschichtskalender. Erster Jahrgang. 1860. (1)

260  Garibaldi.

V

nach  außen  Piemont  unentbehrlich  ist.  Wohl  mochte  er,  der  seine  natio—
nal-ökonomischen  Studien  in  den  Prairien  am  großen  Entensee  und  seine
Lehrjahre  im  Verwaltungsfache  in  den  Urwäldern  des  Laplatastroms  gemacht
  hat,  über  solche  Dinge  mit  beinahe  weiblicher  Unbefangenheit  urtheilen
  und  mit  dem  Eigenwillen  des  Autodidakten  eingreifen;  es  bedurfte
jedesmal  nur,  daß  er  das  Schlachtfeld  betrat,  so  war  er  wie  der  Sohn
der  Erde,  welcher  unüberwindlich  wurde,  so  oft  er  die  Mutter  berührte.
Milazzo,  wo  sich  ihm  der  freisinnigste  und  treueste  General  Franzens,
Bosco,  entgegenstellte,  war  recht  ein  persönlicher  Kampf  der  Führer  selbst.

Der  Uebergang  über  die  Meerenge  von  Messina  war  wieder  einmal
  die  Geschichte  vom  Ei  des  Columbus;  nicht  sobald  war  er  vollzogen,
als  Jedermann  einsah,  daß  er  unmöglich  auf  eine  andere  Weise  hätte  gelingen
  können.  Je  schwieriger  er  gewesen  war,  desto  stärker  mußte  der
Eindruck  davon  sein.  Das  neapolitanische  Heer  hat  seitdem  bewiesen,  daß
es  nicht  seine  Untreue  oder  Untüchtigkeit  war,  was  Garibaldi  die  Bahn
nach  der  Hauptstadt  ebnete.  Schon  im  Jahre  1849  hatten  sich  die  Neapolitaner
  mit  Amuletten  gegen  den  „rothen  Teufel“  bewaffnet,  aber  umsonst;
  die  Jahre,  die  Ereignisse  hatten  seine  mythische  Gestalt  ins  Riesenmäßige
  wachsen  machen  und  die  Kapuzinaden  gegen  ihn  den  Zweifel  entzündet,
  ob  Garibaldi  der  Teufel  oder  ein  —  Heiliger  sei.  Ein  Drittes
gab  es  für  die  neapolitanische  Phantasie  nicht;  ein  Schrecken  ging  ver  ihm
her,  wie  vor  der  Here  von  Orleans.

Wie  ein  den  Zauber  Garibaldis  lösender  Kreis  wirkte  auf  das  königliche
  Heer  der  Festungsbezirk  Capua-Gaeta,  während  die  Zauber  der
Circe  Neapolis,  der  falsche  Prophet  Mazzini,  der  wahnsinnige  Jubelrausch
des  thatlosen  Volks  Herz  und  Kopf  des  Siegers  umrangen.  Die  kräftigen
Ausfälle  der  bourbonischen  Truppen  riefen  ihn  wieder  in  sein  Element,  es
galt  mit  Aufbietung  der  äußersten  Kräfte  die  Hauptstadt  zu  vertheidigen.
Wie  ein  verwundeter  Löwe  schritt  Garibaldi  voran,  die  verlorenen  Stellungen
wieder  zu  nehmen.  —  Indem  er  bald  darauf  Viktor  Emanuels  Hand  faßte,
bot  er  Bürgschaft,  daß  die  besonnene  Vaterlandsliebe  in  ihm  den  entscheidenden
  Sieg  gewonnen  habe;  von  seinem  wahren  Freunde,  Pallavicino,
immer  seinem  guten  Genius,  von  seinen  alten  Waffengenossen,  wie  Medici,
gestärkt,  hatte  er,  wenn  auch  über  Vieles,  über  Personen  und  Sachen  geblendet,
  in  der  Hauptsache  stets  dieselbe  Bahn  behauptet.

Nachdem  er  schließlich  Tage  lang  beinahe  wortlos  vor  sich  hingebrütet,
  nachdem  er  seinen  Herzenswunsch,  daß  alle  seine  Getreuen  mit  ihren
Graden  in  das  piemontesische  Heer  ausgenommen  werden  möchten,  —