Volltext : Europäischer Geschichtskalender. Neue Folge. Dreiunddreißigster Jahrgang. 1917. Erster Teil. (58a)

Beutsches  Reich.  (Januar  18.—19.)  55

stellung  dieser  Tatsache  spricht  für  sich  selbst.  Wundern  Sie  sich  nicht,  daß
eine  solche  Haltung  das  polnische  Volk  mit  dem  größten  Mißtrauen  gegenüber
  der  Staatsregierung  erfüllt  hat.  Ich  bin  beauftragt,  diesem  Mißtrauen
hier  einen  energischen  Ausdruck  zu  geben.  Der  Hauptstein  des  Anstoßes
liegt  in  dem  Fortbestehen  der  preußischen  Polenpolitik  (Zuruf:  Staatsrat!)
Lachen  Sie  mich  nicht  aus,  ich  könnte  Ihnen  sonst  Dinge  sagen,  die
Ihnen  nicht  angenehm  und  die  nicht  nützlich  sind.  Was  der  Abg.  v.  Kardorff
gestern  für  die  Polen  verlangte,  wäre  für  uns  nur  eine  kleine  Abschlagszahlung.
  Wir  verlangen  volle  nationale  und  kulturelle  Gleichberechtigung
  und  Entwicklung.  Komme  man  uns  doch  nicht  mit  dem  Schlagwort
des  Burgfriedens.  Ueberall  sehen  wir  Streit  und  Zank  und  ganze  Volksteile
  erheben  ein  wüstes  Kampfgeschrei  gegen  den  Leiter  des  Staates  und
fordern  die  Absetzung  von  Ministern.  Es  wäre  eine  Kräftigung  des  Burgfriedens,
  wenn  man  das  an  den  Polen  jahrelang  verübte  Unrecht  wieder
gut  machte.  In  Tausenden  von  polnischen  Familien  herrscht  Trauer.  Das
polnische  Volk  arbeitet  und  darbt  für  Deutschland,  aber  nach  wie  vor  ist
es  einer  kurzsichtigen  Bürokratie  ausgeliefert.  Die  Polen  bleiben  Bürger
zweiter  Klasse  und  nur  in  den  Schützengräben  herrscht  für  sie  Gleichberechtigung.
  Kein  einziges  Ausnahmegesetz  gegen  die  Polen  ist  aufgehoben.
Als  im  Reichstage  mit  großer  Mehrheit  die  Beseitigung  des  Sprachenparagraphen
  verlangt  wurde,  drohte  die  Regierung  mit  dem  Scheitern  des
Gesetzes.  Die  Anordnung  des  Kultusministers  von  1915,  daß  den  polnischen
Kindern  der  Religionsunterricht  in  der  Muttersprache  erteilt  werden  soll,
wird  von  den  ausführenden  Behörden  hintertrieben,  um  das  Kreuz  versammelte
  polnische  Frauen,  die  für  die  glückliche  Heimkehr  der  kämpfenden
Männer  beteten,  wurden  auseinandergetrieben,  weil  eine  solche  öffentliche
Versammlung  angemeldet  sein  müßte.  Das  sind  aufreizende  Taten,  deren
man  sich  schämen  muß.  Unter  dem  verschämten  Titel  der  Förderung  und
des  Schutzes  des  Deutschtums  sind  große  Summen  im  Etat  zur  Bekämpfung
  des  Polentums  bestimmt.  Von  allen  Wohltaten  sind  die  Polen
ausgeschlossen,  von  dem  ehemaligen  Festungsgelände  in  Posen  durften  die
Polen  keine  Grundstücke  erwerben,  die  Fortbildungsschulen  dienen  auch
der  Germanisation,  in  der  Provinz  Posen  besteht  die  besondere  Polizeigewalt
  der  Distriktskommissare,  die  in  anderen  Landesteilen  ehrenamtlich
von  Amtsvorstehern  versehen  wird,  aus  dem  Fonds  für  die  innere  Kolonisation
  sind  niemals  Polen  unterstützt  worden.  Aus  den  Erklärungen  der
Regierung  vom  20.  November  1916,  bei  der  Interpellation  v.  Heydebrand,
ging  hervor,  daß  die  preußische  Regierung  die  Bekämpfung  des  Polentums
als  ihre  besondere  Aufgabe  ansieht,  und  dieses  Programm  begleitete  der
volenfeindliche  Block  in  diesem  Hause  mit  lebhaftem  Beifall.  Ein  Redner
sprach  damals  von  den  polnischsprechenden  Preußen.  Sprechen  Sie  denn
von  deutschsprechenden  Oesterreichern,  deutschsprechenden  Ungarn  oder  deutschsprechenden
  Russen,  oder  sagen  Sie  vielmehr  die  Deutschen  in  Oesterreich,
in  Ungarn,  in  Rußland?  Die  Regierung  hat  die  Neuorientierung  nach
dem  Kriege  versprochen,  bei  uns  herrscht  aber  Mißtrauen  gegen  die
Versprechungen  der  Regierung.  Wir  wollen  Taten  sehen,  auf  die  wir
nach  dem  Naturrecht  Anspruch  haben.  Wir  protestieren  auf  das  energischste
gegen  die  Unterdrückung  unserer  Nationalität.  Aber  auch  uns  wird  eine
glückliche  Stunde  schlagen.

Minister  des  Innern  v.  Loebell:  Wenn  der  Abg.  Korfanty  glaubt,
seinen  Stammesgenossen  durch  solche  Ausführungen  zu  nützen,  so  hat  er
den  Zweck  nicht  erreicht.  Am  20.  November  1916  habe  ich  bei  der  Interpellation
  v.  Heydebrand  ausgeführt,  daß  die  Regierung  an  die  Prüfung
der  die  polnischen  Interessen  angehenden  Politik  mit  aller  Obiektivität