Full text : Volksvergiftung 1914-1918.

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heitssozialistischen  Partei  angehörten,  wurde  Legien  gebeten,

zu  einer  Besprechung  zu  uns  zu  kommen,  was  auch  geschah.

Ich  legte  nun  als  Vorsitzender  des  Arbeiterrates  Legien  die

Frage  vor,  wie  er  sich  zu  dem  Streik  stelle.  Legien  antwortete,

erst  müsse  er  wissen,  wer  den  Streik  begonnen,  und  was  der

Streik  bezwecke,  die  Gewerkschaften  hätten  den  Streik  ja  nicht

in  der  Hand  und  nicht  veranlaßt.  Ich  erwiderte  ihm,  daß  wir

zunächst  nicht  warten  konnten,  bis  die  Gewerkschaften  den

Streik  inszeniert  hätten,  denn  dann  wäre  er  sicherlich  niemals

ausgebrochen.  Im  übrigen  sei  der  Streik  spontan  ausgebrochen,

als  Protest  gegen  Brest-Litowsk,  und  um  dem  Frieden  zu  dienen.

Legien  versuchte  immer  wieder  einer  Erklärung  aus  dem  Wege

zu  gehen,  erst  auf  energisches  Drängen  der  Mitglieder  des  Arbeiterrates,

  die  der  Partei  Legiens  angehörten,  und  nachdem  ich

erklärt  hatte,  daß  wir  uns  den  Streik  zunächst  als  einen  dreitägigen

  Demonstrationsstreik  gedacht  hätten,  erklärte  Legien,

daß  derartige  Dinge  eintreten,  liegt  in  der  Haltung  der  Regierung

  begründet,  und  im  Hinblick  auf  das  Verhalten  derselben

  sei  der  Streik  zu  begrüßen.  Ich  fragte  Legien  dann

noch,  ob  wir  dann,  wenn  die  Regierung  trotz  des  Demonstrationsstreiks

  auf  ihrer  verderblichen  Politik  bestehe,  resignieren

sollten.  Darauf  antwortete  Legien:  „Nein,  keineswegs.“

Als  ich  nach  Verbüßung  meiner  Gefängnisstrafe  wieder  nach

Kiel  kam,  wurde  mir  ein  Flugblatt  vorgelegt,  in  dem  der  Januarstreik

  in  der  gemeinsien  Weise  heruntergemacht  wurde,
unterzeichnet:  Karl  Legien

Man  sieht  hieraus,  wie  hervorragend  die  Sozialdemokraten  sich

auf  das  Spiel  der  politischen  Komödie  verstanden.  Die  Sozialdemokratie

  glaubte  damals,  stark  genug  zu  sein,  es  auf  die  entscheidende

Machtprobe  ankommen  zu  lassen.  Für  diese  Auffassung  liefert  kein

Geringerer  als  Philipp  Scheidemann  einen  schlagenden  Beweis,

indem  er  schreibt  1:

„Der  Streik  war  ein  schwerer  Schlag  für  die  Regierung
und  die  sogenannte  Vaterlandspartei;  er  hätte  aber  mehr  sein
können,  nämlich  ein  vernichtender  Schlag."

1  Scheidemann,  „Der  Zusammenbruch“,  S.  77.