Full text : Untersuchungen und Aktenstrücke zur Geschichte der Reichsgründung.

132  Preußen  ruft  die  Hilfe  der  Zenttalgewalt  an.

der  Berliner  Versammlung  erwogen  hatte.:  Insofern  konnte  er  also  auch
jetzt  nicht  viel  dagegen  einzuwenden  haben;  aber  ihm  schien  der  Zeitpunkt
für  den  Bruch  nicht  glücklich  gewählts,  und  außerdem  hatte  er  zu  den
Männern,  die  der  König  jetzt  auf  die  höchsten  Posten  gestellt  hatte,  kein
rechtes  Vertrauen;  er  fürchtete  von  ihnen,  ähnlich  wie  Graf  Dönhoff,  daß  sie
ihren  Sieg,  wenn  nicht  zur  vollen  Herstellung  des  Absolutismus  in  Preußen,
so  doch  zu  einer  allzu  starken  Einschränkung  der  parlamentarischen  Rechte,
und  vor  allen  Dingen  zum  offenen  Bruch  mit  der  Paulskirche  benutzen
würden;  dadurch  wäre  aber  nach  seiner  Ansicht  jede  Hoffnung  auf  eine  größere
Einigung  Deutschlands  vernichtet  worden.  Die  neuen  Minister  bemühten
sich  eifrig,  ihn  über  diese  Punkte  zu  beruhigen;  sowohl  Graf  Brandenburg
  selbst,  wie  Graf  Bülow  gaben  ihm  brieflich  die  bestimmte  Versicherung,
  daß  keine  reaktionäre  Politik  beabsichtigt  sei,  daß  man  die  früher
gegebenen  Versprechungen  des  Königs  als  bindend  anerkenne  und  daß  man
auf  ein  friedliches  Zusammenwirken  mit  der  provisorischen  Zentralgewalt
und  der  Nationalversammlung  den  höchsten  Wert  lege.3  Ja,  es  wurde  ihm
sogar  mehrmals  der  Wunsch  geäußert,  er  möge  dahin  wirken,  daß  die
Zentralgewalt  eine  ausdrückliche  Billigung  der  Maßnahmen  des  Königs
ausspreche,  das  Verhalten  der  Berliner  Nationalversammlung  mißbillige
und  eine  eventuelle  Auflösung  derselben  im  voraus  gutheiße.“  Auch  der
König  selbst  und  der  Ministerpräsident  wandten  sich  brieflich  an  den  Reichsverwesers,
  um  eine  derartige  Erklärung  herbeizuführen.  Sie  alle  empfanden
das  dringende  Bedürfnis,  auf  diese  Art  ein  Gegengewicht  gegen  die  Unpopularität
  der  eben  vollzogenen  Handlungen  zu  gewinnen.  Es  war  das
erste  und  einzige  Mal,  daß  Preußen  einen  Dienst  von  der  Fentralgewalt
begehrte,  und  daher  auch  der  einzige  Augenblick,  in  dem  eine  wirkliche
Verständigung  zwischen  Berlin  und  Frankfurt  möglich  gewesen  wäre,
wenn  man  in  Frankfurt  die  Situation  vollskändig  begriffen  und  staatsmännische
  Einsicht  genug  gehabt  hätte,  die  erbetene  Hilfe  der  preußischen

1  S.  oben  S.  125.

*  Camphausen  an  Bülow  Nov.  13.  Bellage  18.

*  Graf  Bülow  an  Camphausen  Nov.  8.  Bellage  16;  Graf  Brandenburg  an  Camphausen
Nov.  12.  Bellage  17  (er  versschert,  daß  „weder  dle  Krone  noch  ihre  Ratgeber  auch  nur  den
Gedanken  antikonstitutloneller  Gelüste  hegen").  Mündlich  fügte  Graf  Brandenburg  noch
hinzu,  „er  und  die  übrigen  Mitglieder  des  Ministerlums  würden  nur  bis  zur  Wiedereröffnung
  der  Versammlung  in  Brandenburg  lm  Amte  bleiben  und  dann  elnem  neuen  volkskümlicheren
  Minlsterlum  Platz  machen“  (v.  Kamptz  an  Camphausen  undat.  c.  Nov.  11).

4  Bülow  an  Camphausen  ra.  Nov.  Bellage  17a;  13.  Nov.  Beilage  10;  13.  Nov.  Bellage  20
(wo  erwähnt  wird,  daß  Graf  Brandenburg  selbst  in  dlesem  Einne  an  Camphausen  geschrleben
  habe).

*  C.  Oberstlue.  Flscher  an  Camphausen  25.  Nov.  Caspary  265.