Full text : Der Weltbrand. Deutschlands Tragödie 1914-1918. Zweiter Band. (2)

rotgoldenen  Grenzpfähle  hinaus  zum  Blick  ins  Weltganze  geweitet.  Er  wird
sich  nicht  in  natlonallstische  Enge  zurückbannen  lassen  —  ader  edensowenig  ins
Erenzenlose  einer  oersch  g  zerflattern,  deren  Tage,
wenn  sie  jemals  kommen  sollten,  heute  noch  in  weiter  Ferne  liegen.  Eines
aber  wird  der  mit  ruhigem  Stolz  erkennen:  die  Welt,  die  dies  Deutschland
zertrümmern  wollte,  deginnt  heute  schon  zu  erkennen,  daß  sie  es  nicht  entdehren
  kann.

Es  ist  kein  Zweifel,  daß  dlese  Erkenntule  mächtig  gefördert  worden  ist
durch  jene  innerdeutsche  Entwicklung,  welche,  so  krampfhaft,  widerwlllig  und
verworren  sle  sich  auch  vollzogen  hat,  das  Relch  der  politischen  Verfassung  und
der  Staatsauffassung  der  glücklicheren  und  politisch  reiferen  Völker  des  Erdballes
  angenähert  hat.  Auch  der  Deutsche,  dessen  ganze  Bergangenheit  unter
dem  seelischen  Banne  der  setzt  ins  Nichts  versunkenen  Mächte  und  Meinungen
gestanden  hat,  wird,  wenn  anders  er  überhaupt  mit  offenen  Augen  und  ohne
Scheuklappen  ine  Gesamtleden  seiner  Gattung  hineinzuschauen  fähig  und  willig
ist,  nicht  verkennen  können,  daß  ein  Volk,  das  im  großen  Gesamtgetrlede  der
Menschhelt  einen  Platz  deansprucht,  nicht  in  der  Lage  ist,  seinen  eigenen  Weg
ohne  Rücksicht  auf  die  Auffassung  der  anderen  führenden  Kulturnationen  zu
gehen  —  daß  ee  einen  gesellschaftlichen  und  politischen  Aufdau,  der,  aus  vergangenen
  Geschichtsepochen  stammend,  üderall  draußen  bereits  üder  Vord
geworfen  ist  —  ulcht  deidehalten  kann  —  auch  dann  nicht,  wenn  es  seiner  um
der  Erhaltung  selner  Eigenart  willen  zu  bedürfen  glaudt.  Denn  dann  erfüllt
sich  an  ihm  der  Fluch,  unter  dem  Deutschland  zusammengedrochen  ist:  der  Fluch
der  seelischen  Zsollerung  —  dle  über  kurz  oder  lang  auch  zur  polltischen  Einkreisung
  führen  muß.  Sich  zu  solcher  Erkenntnis  durchringen  zu  müssen,  wenn
man  mit  fast  allen  Instinkten  seines  Daselns  an  jenen  Uberlieferungen  gehangen
hat,  auf  die  es  nun  unwelgerlich  zu  verzlchten  gilt,  ist  leldooll  —  ader  es  ist  notwendig.


Die  gewaltlge  Kragödie  ist  zu  Ende.  Die  größte,  die  je  üder  die  Erde  hingestampft
  ist.  Und  am  Ende  müssen,  dürfen  wir  aufatmend  erkennen,  daß  sie
gar  kelne  Tragödie  im  strengen  Sinne  gewesen  lst  —  in  all  lbrer  schauerlichen
  Tragik.

Denn  ihr  Held  —  das  deutsche  Volk  —  es  ledt.

Alcht  sein  Untergang  stebt  am  Ende  des  gewaltigen  Schausplele  —  sondern
der  Beglun  selner  Läuterung.  Was  wir  in  Schauern  und  Leiden  ohne  Maß,
in  Tränen  und  Wunden,  in  Verarmung  und  Derditterung  erledt  haden  und  erleben
  ·-  bem  tiefer  schauenden  Auge  erscheint  es  ale  ein  großes,  göttliches
Erziehungswerk  am  deutschen  Volke.

Und  wenn  wir  das  erst  degriffen  haben,  dann  finden  wlr  auch  zu  unserem
nationalen  Schlcksal  die  rechte  Stellung.  Dann  lernen  wlr  erkennen,  daß  über
lhm  das  erhadene  Weltgesetz  der  Kausalität  waltet  —  der  Folgerlchtigkeit  —
der  Notwendigkelt.  Nicht  Willkür  und  Haß  der  Feinde,  nicht  Schwachheit  und
Unzulänglichkeit  der  Führung,  nicht  Gier  und  Verrat  der  Masse,  nicht  Verdrechen
  und  Wahnsinn  des  Pöbels  —  nichts  oon  all  dem  ist  die  Ursache  unseres
Zusammenbruchee  —  dae  alles  sind  nur  Auswirkungen.  Oie  Ursache  liegt  viel,

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