Full text: Geschichte des brandenburgisch-preußischen Staates.

454 XIV. Preußen als Großmacht. 
von Böhmen zu Lehn gegangen waren. Preußen, dem der Krieg 
29 Mill. Thaler baar und 20,000 Mann gekostet hatte, verlangte 
für seine Anstrengungen nichts, sondern begnügte sich damit, Oester- 
reichs Absichten vereitelt, selber aber eine bedeutende Stellung in 
Deutschland gewonnen zu haben und als der Beschützer der kleinen 
Staaten angesehen zu werden. Nur das wurde festgesetzt, daß der 
voraussichtlich nahe Anheimfall von Anspach-Bayreuth an Preußen 
ohne Schwierigkeit erfolgen, und daß die Lehnsherrschaft Böhmens 
über mehrere Güter in diesem Fürstenthume aufhören solle, wogegen 
die Lehnsherrschaft dieses Fürstenthums über mehrere Besitzungen im 
Oesterreichischen wegfiel, wie schon oben erwähnt worden ist. — Die 
timmung der Völker über diesen „einjährigen“ Krieg war keine 
günstige; in Preußen wurde er spottweise der Kartoffelkrieg, in 
Oesterreich der Zwetschgen = Rummel genannt. 
Rußland hatte inzwischen ein so bedeutendes Gewicht gewonnen, 
daß England wie Oesterreich sich eifrig um seine Freundschaft be- 
mühten und selbst in den Wunsch Katharina's eingehen wollten, das 
türkische Reich in Europa über den Haufen zu werfen und ein griechi- 
sches unter einem russischen Prinzen an seine Stelle zu setzen; ein 
Plan, dem Preußen nichts weniger als hold war. England, damals 
— wie oben erwähnt — im Kriege mit seinen amerikanischen Colonien 
begriffen, die von Spanien, Frankreich und Holland unterstützt wurden, 
wandte Alles an, Nußland auf seine Seite zu ziehen. Seine Bemü- 
hungen gelangen nicht nur nicht, sondern der viel geltende Graf Panin 
bewog sogar seine Kaiserin, um Englands Uebergewicht zur See zu 
brechen, am 28. Februar 1780 die s. g. bewaffnete See-Neu- 
tralität zu erklären, wonach „frei Schiff frei Gut“ machen 
sollte, welcher Neutralität sich bald Frankreich, Spanien und fast alle 
übrigen Staaten Europa's anschlossen. Auch Friedrich ließ sich zum 
Beitritt bewegen, nachdem ihm zugestanden war, daß keine Leistungen 
von ihm verlangt werden sollten. Zwar hatte diese Maßregel zunächst 
keinen weiteren Erfolg, da England 1783 Frieden schloß und die 
Unabhängigkeit der nordamerikanischen Freistaaten anerkannte, sie gab 
aber Rußland eine Bedeutung in den europäischen Angelegenheiten, 
die es vortrefflich für sich auszubeuten verstand. 
Glücklicher als England war Oesterreich in seiner Bewerbung 
um die russische Freundschaft; es gelang ihm, die Erneuerung des 
preußisch-russischen Bündnisses zu verhindern, das im Jahre 1780 
ablief. Kaiser Joseph besuchte die Kaiserin Katharina in Mohilew 
(im Mai 1780), folgte ihrer Einladung nach Petersburg und Moskau 
und gewann sie durch seine Einwilligung, daß sie ihre Macht auf 
Kosten der Türkei vergrößern könne, in dem Grade für sich, daß der 
Besuch, den der preußische Thronsolger Friedrich Wilhelm im Septem- 
ber in Petersburg abstattete, keinen ersprießlichen Erfolg für Prcußen 
herbeiführte, zumal da der preußisch gesinnte Graf Panin in Ungnade 
fiel. Friedrich, der seine Absichten auf fernere Verbindung mit Ruß- 
land vereitelt sah und weder zu England noch zu Frankreich Vertrauen