Veutsches Reich. (März 20.—21.) 327
eine so radikale Sprengung aller völkerrechtlichen Normen und Satzungen,
eine solche Einschüchterung der neutralen Staaten durch England, ein solches
brutales Vorgehen gegen sie, um sie Englands Interessen dienstbar zu
machen; keiner hätte für möglich gehalten, daß unser Volk die Widerstandsfähigkeit
hätte, die es jetzt beweist — alles das stand außerhalb jeder Berechnung.
Aber wenn wir auch den schönsten Plan einer solchen Mobilmachung
aufgestellt hätten, jetzt wäre doch nichts mehr davon vorhanden;
die Vorräte wären auch bei einer Vorratswirtschaft erschöpft gewesen. Das
beweist nun nicht, daß wir für die Zukunft sorglos sein sollen, wir werden
auch aus diesen Erfahrungen lernen. Aber manches war denn doch geschehen,
das war unsere Sozialpolitik und unsere Wirtschaftspolitik.
Durch die Sozialpolitik ist es gelungen, die Gegensätze mit der
Arbeiterschaft in Deutschland in einem Maße zu beseitigen, daß in den
großen Massen der arbeitenden Bevölkerung die Vaterlandsliebe und Vaterlandstreue
erhalten geblieben ist. Gegen die Behauptung, daß unsere
Sozialpolitik Schritt für Schritt den herrschenden Klassen habe abgerungen
werden müssen, lege ich den allerentschiedensten Widerspruch ein. Die
Sozialpolitik nimmt ihren Eingang von dem bekannten Manifest des
großen Kaisers Wilhelm I., der sich damit ein unvergängliches Verdienst
erworben hat; sie ist auch nicht gemacht worden von einer Partei dieses
Hauses, sondern von allen Parteien, in engstem Zusammenwirken mit
der Regierung. Wir werden dabei auch in Zukunft bleiben, wenn wir auch,
durch den Krieg gezwungen, eine Unterbrechung haben eintreten lassen
müssen. Unsere Wirtschaftspolitik hat es wie kaum die irgendeines
anderen Landes verstanden, das Interesse an der Entwicklung unserer großen
auswärtigen Handelsbeziehungen zu verbinden mit der Erhaltung der
nationalwirtschaftlichen Selbständigkeit. Vor dem Kriege standen wir in bezug
auf Ein= und Ausfuhr hart nach England mit an erster Stelle. Unsere
landwirtschaftliche Erzeugung hatten wir stärker zu steigern vermocht, als
die Bevölkerung gewachsen ist, und damit die Grundlage zum Durchhalten
gelegt. Hätten wir die Landwirtschaft in ihrer Entwicklung nicht so gefördert,
so hätten wir diesen Krieg längst verloren. Auch hier werden wir
in Zukunft die bewährten Wege weiter gehen. Die Grundlagen unserer wirtschaftlichen
Selbständigkeit sind nicht geringer geworden durch den Krieg,
sondern sie sind erweitert worden. Ich verweise auf die Stickstoffproduktion.
Sie kommt nicht nur für die Munitionserzeugung, sondern auch für die
Landwirtschaft sehr stark in Betracht; bisher waren wir da vom Auslande
abhängig, jetzt, während des Krieges, ist es möglich gewesen, im eigenen
Lande die Voraussetzung für die Erzeugung zu schaffen. Aehnlich steht es
mit der Metallgewinnung, Aluminium wird als Ersatz für Kupfer verwendet;
im Textilgewerbe tritt die Papierfaser in großem Umfange an die
Stelle der Baumwolle und der englischen Jute. Alle diese Kriegserfahrungen
werden im Frieden weiter ausgebaut werden müssen. Dazu tritt dann die
roße Aufgabe, unsere wirtschaftlichen Beziehungen zum Auslande nach dem
iege wiederherzustellen und zu fundieren. Hierher gehört vor allem auch
die Ausgestaltung der Verkehrswege und die Wiederherstellung der Reederei.
Im Ausschuß habe ich bereits erklärt, daß ich den Kanalprojekten das
größte Interesse entgegenbringe. Das große Wasserbauprojekt der Regulierung
des Oberrheins ist in meinem Amt auf meine Veranlassung in Angriff
genommen, ein Projekt, das nicht nur für den Verkehr, sondern auch
für die Kraftgewinnung einen Fortschritt bringt. Auch wegen der anderen
Projekte bin ich mit den. verbündeten Regierungen in Verbindung getreten
und werde mich bemühen, die Verhandlungen so zu fördern, daß ich bei
der dritten Lesung des Etats mich über die Stellungnahme der verbündeten