Volltext : Geschichte des Preußischen Staates

208  Scheilern  der  Pläne  des  Kurfürsten.

liche  Uebergabe  des  Kreises  an  Friedrich  Wilhelm,  da  sie  den  Böhmen  doch  eine
bedingungslose  mindestens  scheinen  mußte.

Diesen  Betrug  hat  der  Kurfürst  nie  erfahren,  wohl  aber  mußte  er  noch
erkennen,  daß  es  ein  Irrtum  gewesen,  wenn  er  geglaubt,  Oesterreich  habe  dasselbe
  Interesse  wie  er  gegen  Frankreich  oder  befinde  sich  doch  durch  die  Frage
der  spanischen  Erbfolge  und  durch  seine  Stellung  im  europäischen  Staatensystem
wenigstens  in  so  entschiedenem  Gegensatz  zu  Frankreich,  daß  es  an  dessen  Bekämpfung
  alle  Mittel  setzen  müsse.  Sehr  bald  wurde  vielmehr  klar,  daß  das
katholische  Interesse  Oesterreichs  stärker  war,  als  sein  politischer  Gegensatz  zu
Frankreich,  daß  die  Betonung  des  Katholizismus  seinem  nächsten  Interesse,  der
vollen  Eroberung  Ungarns,  zur  Zeit  förderlicher  war,  als  der  Kampf  gegen
Frankreich.  Nun  aber  hingen  die  überaus  großen  Hoffnungen,  welche  der  Katholizismus
  aus  der  Verfolgung  der  protestantischen  Lehre  in  Frankreich  und  Oesterreich
  hatte  schöpfen  können,  wesentlich  davon  ab,  ob  die  großen  Fortschritte,
die  Jakob  II.  für  den  K  Katholizismus  auch  in  England  gewonnen,  ebenso  dauerhafte
sein  würden,  wie  es  von  den  in  Frankreich  und  Oesterreich  gelungenen  vorausgesetzt
  wurde.  Allein  dies  war  gewiß  dann  nicht  der  Fall,  wenn  Jakobs  Schwiegersohn
  und  gesetzmäßiger  Nachfolger,  der  Prinz  von  Oranien,  nach  ihm  den  englischen
  Thron  bestieg.  Unter  allen  Umständen  mußte  daher  der  Prinz  hieran
gehindert  werden,  und  dies  war  wieder  ohne  die  Hilfe  Frankreichs  unmöglich.
Demnach  hatte  die  Kurie  55  entschiedene  Interesse,  Frankreich  die  Hand  frei  zu
lassen  für  den  Kampf  gegen  England,  und  eben  deshalb  arbeitete  sie  mit  allem
Eifer  daran,  den  Kaiser  zum  Frieden  mit  Frankreich  zu  bestimmen.  Andererseits
aber  wuchs  mit  den  Erfolgen,  die  der  Kaiser,  Venedig,  Polen,  selbst  Rußland
damals  über  die  Türken  erfochten,  und  die  eine  Eroberung  sogar  von  Konstantinopel
leicht  möglich  erscheinen  ließen,  zugleich  auch  die  Hoffnung  der  Kurie,  zu  all  den
verheißungsvollen  Erfolgen  im  Westen  nun  auch  den  seit  Jahrhunderten  schmerzlich
  vermißten  Orient  zu  gewinnen  und  die  griechische  Kirche  wieder  unter  ihre
Herrschaft  zu  beugen.  Und  gleichsam  als  ob  Rom  noch  an  dem  Glaubenseifer
des  Kaisers  zweifeln  könne,  benutzte  dieser  —  ohne  Beachtung  der  häufigen  Verwendungen
  des  Kurfürsten  für  seine  ungarischen  Glaubensbrüder  —  die  Verbindung
  der  Rebellen  in  Ungarn  mit  den  Türken  zur  grausamsten  Bestrafung  der
Evangelischen,  und  das  Blutbad  von  Eperies  bewies  noch  einmal  mit  Flammenschrift,
  daß  Oesterreich  nicht  hinter  Frankreich  zurückbleiben  mochte  in  der  Ausrottung
  der  Ketzer.  Und  weil  dies  das  Ziel  der  Kurie  war,  so  lag  dieser  alles
daran,  Oesterreich  in  dem  Kampf  gegen  den  Orient  festzuhalten,  und  weil  es
ihn  nur  dann  durchzuführen  vermochte,  wenn  es  mit  Frankreich  in  Frieden  lebte,
so  mußte  eben  darauf  die  nächste  Absicht  Roms  gerichtet  sein.  Und  wie  sollte
gegen  diesen  großartigen  Plan  der  römischen  Kircheneinheit,  die  den  Orient  und
Occident  umfaßte,  die  Freiheit  der  europäischen  Staaten  in  Betracht  kommen!
Mochte  Ludwig  XIV.  die  Staatenfreiheit  vernichten,  mochte  er  Deutschland  knechten,
wenn  er  nur  half,  die  Einheit  der  katholischen  Kirche  wieder  herzustellen!

So  erfüllte  sich  denn  die  erste  Voraussetzung  für  den  Krieg  gegen  Ludwig  XIV.,
wie  ihn  Friedrich  Wilhelm  geplant,  nicht.  Der  Friede  mit  den  Türken  wurde
nicht  geschlossen,  dagegen  in  Paris  wie  in  Wien  von  Kardinälen  für  die  Erhaltung
  des  Friedens  gehandelt,  und  in  der  großen  katholischen  Hoffnung  kühlte
auch  der  hoch  gespannte  Eifer  der  katholischen  Reichsfürsten  gegen  Frankreich  sich