Full text : Auswahl für das Feld.

gewirkt,  die  Männer,  die  sich  befehdeten  und  schalten,  einträchtig
in  dem  Kampfe  der  Idee  gegen  das  Interesse,  der  Idee  des  Volks—
tums  wider  das  Interesse  der  nackten  Gewalt.

Schon  vor  der  Schlacht  von  Jena  hatte  sich  Fichte  erboten,  mit
dem  ausrückenden  Heere  als  weltlicher  Prediger  und  Redner,  „als
Gesandter  der  Wissenschaft  und  des  Talents“,  zu  marschieren,  denn
was  —  ruft  er  in  seiner  kecken,  die  Weihe  des  Gedankens  mitten
in  die  matte  Wirklichkeit  hineintragenden  Weise  —  „was  ist  der
Charakter  des  Kriegers?  Opfern  muß  er  sich  können;  bei  ihm
kann  die  wahre  Gesinnung,  die  rechte  Ehrliebe  gar  nicht  ausgehen,
die  Erhebung  zu  etwas,  das  über  dies  Leben  hinaus  liegt“.  Doch
das  letzte  Heer  des  alten  Regimes  hätte  solchen  Geist  nicht  ertragen.
  Die  Stunden  der  Schande  waren  gekommen.  Fichte  floh
aus  Berlin  und  sprach:  „Ich  freue  mich,  daß  ich  frei  geatmet,  geredet,
  gedacht  habe  und  meinen  Nacken  nie  unter  das  Joch  des
Treibers  gebogen.“  Auch  ihn  überwältigte  jetzt  auf  Augenblicke
die  Verzweiflung,  da  er  zufrieden  sein  wollte  ein  ruhiges  Plätzchen
zu  finden,  und  es  den  Enkeln  überlassen  wollte  zu  reden  —  „wenn
bis  dahin  Ohren  wachsen  zu  hören!“  Nicht  die  Zuversicht  fand
er  wieder,  aber  die  Stärke  des  Pflichtgefühls,  als  er  nach  dem
Frieden  dennoch  redete  zu  den  Lebendigen  ohne  Hoffnung  für  sie,
„damit  vielleicht  unsere  Nachkommen  tun,  was  wir  einsehen,  weil
wir  leiden,  weil  unsere  Väter  träumten“.  In  Stunden  einsamer
Sammlung  war  nun  sein  ganzes  Wesen  „geweiht,  geheiligt“;  der
alte  Grundgedanke  seines  Lebens,  in  eigener  Person  das  Absolute
zu  sein  und  zu  leben,  findet  in  dieser  weihevollen  Stimmung  eine
neue  religiöse  Form,  erscheint  ihm  als  die  Pflicht  „des  Lebens  in
Gott“.  Rettung  um  jeden  Preis  —  dieser  ungeheueren  Notwendigkeit,
  die  leuchtend  vor  seiner  Seele  stand,  hatte  er  manches  geopfert
  von  der  Starrheit  des  Theoretikers.  Er  pries  jetzt  sogar
Machhiavellis  Weisheit  der  Verzweiflung;  denn  von  der  entgegengesetzten,
  der  niedrigsten  Schätzung  des  Menschenwertes  gelangte
dieser  Verächter  aller  hergebrachten  Sittlichkeit  doch  zu  dem  gleichen
Endziele,  der  Rettung  des  großen  Ganzen  auf  Kosten  jeder  Rei-158