210 Arbeitsmarkt und Sozlalpolitit.
Jugendfrische, die Erneuerungsmöglichkeit der Nation begründet. Von
dieser Basis aus soll sich von unten nach obenhin ein Volk harmonisch
verjüngen. Aur wenn der Unterbau der Massen eine größere Festigkeit
und Feinheit erlangt hat, kann er den Oberbau einer verfeinerten Struktur
der wenigen, aber ebenfalls unerläßlichen oberen Schichten tragen. Ze
kräftiger und leistungsfähiger daher die unteren Klassen sind, je mehr sie
gesichert sind gegen ein Herabsinken unter ein gewisses Niveau, je höher
dieses unterste Niveau in wirtschaftlicher, geistiger und sittlicher Beziehung
entwickelt ist, um so besser steht es um unsere soziale Gesamtkraft, um die
Gesamtleistung der Nation, um so wirksamer kann das Bolk seine Vollkraft
für seine politische Größe einsetzen.“
Unverminderte Tragfähigkeit erwies während des Krieges insbesondere
unsere so3ziale Bersicherung im Gegensatz zu vielfach im In- und Auslande
gehegten Erwartungen, daß sie durch den Krieg zum finanziellen
Zusammenbruch geführt werden würde. Die soziale Versicherung hat
auf ihren gesunden Grundlagen durchgehalten, obwohl sich einerseite die
Einnahmen durch Verringerung des Arbeiterpersonale infolge der militärischen
Einziehungen verminderten und anderseite mit der Zahl der
Verwundeten und Gefallenen die Ansprüche auf Kranken- und Sterbegeld,
Invaliden- und Waisenrenten und die Ausgaben für Heilverfahren
steigerten. Darüber hinaus wurden den Versicherungsträgern anläßlich
des Krieges durch Bundesratebestimmungen noch besondere Leistungen
auferlegt, so durch die laut Berordnung vom 3. Dezember 1914 eingeführte
Wöchnerinnen-Hilfe, durch Ausdehnung des Begriffs der Hausgewerbe--treibenden
auf für öffentliche Wohlfahrtsverbände in entsprechender
Weise arbeitende Personen (Rotes Kreuz) usw.
Zu den alten Aufgaben der Friedens-Sozialpolitik gesellten sich
fernerhin noch neue Aufgaben der Kriege-Sozialpolitik, inebesondere
mit Rücksicht auf die Kriegerfamilien, die Flüchtlinge und die Volkeernährung
durch billige Massenspeisungen. Es wurde Nachdruck darauf
gelegt, die Armenpflege — soweit sie irgend mit dem Kriege zusammenhing
— des Almosen-Charakters zu entkleiden und in Kriegefürsorge
umzugestalten. Die Familien der Einberufenen wurden der öffentlichen
Armenpflege auch dann entzogen, wenn sie unmittelbar vor der Einberufung
dauernd im Genuß öffentlicher Armenunterstützung gestanden
hatten. An die Stelle der früheren Armenunterstützung trat die als solche
nicht zu verzeichnende Fürsorge für Kriegerfamilien.
Kriege-Sozialpolitik leistete auf einem überaus wichtigen Gebiet
auch der Reichsauesschuß der Kriegebeschädigten-Fürsorge unter finanzieller
Hauptsorge des Reiches und mit Hilfe von seiten der Landesversicherungsanstalten.