208 Arbeitsmartt und Sozialpolitik.
befindlichen Waren sich auf ständig steigender Höhe bewegen konnte.
Zm Zuli 1917 überreichte der damalige Leiter des Kriegsamtes, General
Gröner, dem Reichskanzler v. Bethmann Hollweg eine Denkschrift, die
darauf hinwies, daß diese fortgesetzten Lohnsteigerungen auf die Dauer
bedenkliche Gefahren für die Industrie nach sich ziehen müßten.
Zn dieser Denkschrift war u. a. gesagt:
„Die Arbeiter wissen, daß ihre Macht unendlich gewachsen ist, und
die Unternehmer können sich zum großen Teil gegen die steigenden
Lohnforderungen nur dadurch schützen, daß sie ihrerseits die Preise
ihrer Produktion beliebig erhöhen, und dem Staat, der schließlich der
Abnehmer, bleibt unter den gegenwärtigen Verhältnissen nichte anderes
übrig, als jeden Preie zu bewilligen, der von ihm gefordert wird.
In einsichtigen Kreisen der Industrie berrscht schon lange kein Zweifel
mehr darüber, daß die gegenwärtigen Zustände vom Standpunkte der
Industrie selbst trotz der scheinbar außerordentlichen Gewinne, die gemacht
werden, je länger sie dauern, desto unerwünschter sind; deegleichen ist
bei einsichtigen Arbeiterführern auch schon die Erkenntnie vorhanden,
daß die Lohnentwicklung durchaus ungesund und den eigentlichen Interessen
der Arbeiterschaft auf die Dauer sehr schädlich ist.“
Die Denkschrift hatte keinen anderen Erfolg als den, den Rücktritt
des Generals Gröner von seinem Posten zu veranlassen. Es darf aber
nicht übersehen werden, daß die durch das Hilfedienstgesetz nicht beeinträchtigte
Möglichkeit, in der heimischen Kriegesarbeit in so bedeutend
gesteigertem Maße zu verdienen, die aue der Kriegeindustrie in den Kriegsdienst
hinübergezogenen Personen in ihrer Stimmung in zunehmendem
Maße ungünstig beeinflußte und viel dazu beitrug, Drückebergerei
und Simulantentum zu züchten.
Die Kriegeverdienste breitester Schichten fanden ihren Auedruck u. a.
auch in dem gewaltigen Anwachsen der Einlagen bei den preußischen
Sparkassen. Im besten Friedenejahre hatten die Neueinlagen sich auf
774 Millionen Mark beschränkt; im Zahre 1917 dagegen wuche der Bestand
der preußischen Sparkassen um 3341 Millionen, das ist um 25 Prozent
dee Bestandes zu Beginn des Zahres. Rechnet man hinzu, daß zu gleicher
Zeit die bei den Sparkassen sparende Bevölkerung 2,2 Milliarden Mark
durch Bermittelung der Sparkassen an Kriegeanleihen zeichnete, so ergibt
sich eine Gesamtvermehrung der Spareinlagen um rund §51/8 Milliarden.
Wie im vorstehenden schon andeutungsweise erwähnt, hat während
dee Krieges mit Rücksicht auf die Lage des Arbeitemarktee die deutsche
Sozialpolltik, soweit sie sich im Arbeiterschutz erschöpft, in einigen
Stücken abbauen müssen: