90 England im Wirtschaftekrieg.
Für den Umfang, in dem England das System der Interessensphären
durchzuführen trachtete, spricht die Erinnerung an die Zeiten,
in denen Deutschland während des Burenkrieges Veranlassung nahm,
das Zangtseabkommen mit England durchzudrücken, um in jenem weiten
und wichtigen Gebiet Südchinas der englischen Interessensphärenpolitik
mit der grundsätzlichen Offenhaltung der „offenen Tür“ zu begegnen.
Später ließ England es sich mitsamt seinen Verbündeten angelegen
sein, in immer häufigeren Fällen die offene Tür zuzuschlagen und womöglich
auch Deutschland hineinzudrängen in die Bahnen der Interessensphärenpolitik.
Es sei erinnert an die Betätigung dieser Politik durch
England in Gemeinschaft mit Rußland in Persien, an die Unterstützung,
die England gegen entsprechende Gegenleistungen der französischen
Interessensphärenpolitik in Marokko zuteil werden ließ, und schließlich an
die englischen Bemühungen, Deutschland selbst für dieses Sostem einzufangen
durch die unter dem Fürsten Lichnoweky geführten Verhandlungen
über afrikanische und vorderasiatische Fragen. Sehen wir ganz ab davon,
daß die englischen Staatemänner diese Verhandlungen benutzten, um
Deutschland binzuhalten bie zur Vollendung der kriegerischen Vorbereitungen
der Verbündeten Englands auf dem Festlande, so erscheint,
rein weltwirtschaftlich rückschauend betrachtet, als das englische Ziel die
Festlegung deutscher Uberseebetätigung auf einige begrenzte Gebiete
Mittelafrikas, indessen England seine südafrikanische Interessensphäre in
wirksamer Weise abrunden wollte durch die Erzgebiete am südlichen Kongo
und vor allen Dingen nach der Möglichkeit strebte, die Machtbereiche
seiner Interessensphären rings um den Zndischen Ozean in größtmöglicher
Vollendung auszubauen und in Verbindung miteinander zu setzen vom
Kap bie Kairo, von Kairo bie Kalkutta und hinunter bis Australien.
Mitbestimmend für die Interessensphärenpolitik Englands war offenbar
seine Unterlegenheit gegenüber ODeutschland im wirklich freien Wettbewerb.
DOiese Unterlegenheit im freien Wettbewerb kommt zur vollen
Klarheit, wenn wir die Entwicklung der Ausfuhr Deutschlande und der
Englande nach der handelspolitisch neutralen Welt in Bergleich setzen.
In der Zeit von 1889 bis 1915 stieg die Ausfuhr Englande nach der handels--politisch
neutralen Welt von 3,8 auf 7,1 Milliarden Mark, die entsprechende
Auefuhr Deutschlande von 2,5 auf 8,2 Milliarden Mark. Um mehr als
1 Milliarde hatte Deutschland also mit seinem Absatz nach den nicht
Englands Territorialhoheit unterstehenden Ländern England überholt.
Englande Vorsprung in der Gesamtausfuhr, die sich nur noch in sehr
engen Grenzen hielt, beruhte ausschließlich auf seiner Ausfuhr nach den
Kolonien. Horthin führte England im Jahre 1913 Waren im Werte
von 4,5 Milliarden aus, während Oeutschland nach den britischen Herr-