Full text : Meyers Großes Konversations-Lexikon. Dritter Teil. (3)

Vereinigte  Staaten  von  Nordamerika  —  Verkehrswesen

wurde  eine  gewaltige  Rüstung  zu  Wasser  und  zu
Lande  in  größtem  Umfang  aufgenommen:  am  14.
April  nahm  das  Repräsentantenhaus  (am  18.  der
Senat)  eine  7,5  Milliarden  Dollar-Kreditvorlage  an,
am  10.  April  genehmigte  der  Senat  50  Mill.  Doll.
für  den  Bau  von  1000  Handelsschiffen  aus  Holz  zu  je
1000  t;  dann  folgte  am  29.  April  die  Annahme  des
eingebrachten  Militärgesetzes  (Dienstzwang  mit  Auswahl),
  am  4.  Mai  die  Zustimmung  zur  Ausfstellung
einer  Armee  von  1  Million  Mann  bis  zum  Frühjahr
  1918.  Am  20.  Mai  erließ  Wilson  einen  Aufruf
zur  Eintragung  in  die  Listen  der  Wehrpflichtigen  für
den  5.  Juni;  am  28.  Mai  stimmte  das  Repräsentantenhaus
  dem  vorgeschlagenen  Lebensmittelgesetz  zu
(3.  Juni  der  Senat),  am  13.  Juni  willigte  der  Senat
in  das  Spionagegesetz=  Wilsons  ein.  Die  am  23.
Juni  beendete  Zeichnung  auf  die  aufgelegte  Freiheitsanleihe##ergab
  3035,28  Mill.  Dollar.  Am  15.
Juli  bewilligte  das  Repräsentantenhaus  640  Mill.
Doll.  für  den  Bau  von  22000  Flugzeugen.  Es  folgten
weiter  im  Aug.  die  Einbringung  eines  Kriegssteuergesehes
  mit  einem  errechneten  Ertrag  von  2575  Mill.
Doll.  (I.  Okt.  vom  Kongreß  angenommen),  die  Ernennung
  eines  Lebensmittelkontrolleurs  (Hoover),  die
Einführung  eines  Erlanbnisscheines  für  die  Ausfuhr
nach  neutralen  Ländern  und  das  förmliche  Verbot  an
Neutrale,  Waren  weiter  an  die  Mittelmächte  zu  verkaufen
  (28.  Aug.),  die  Bewilligung  weiterer  Kriegkredite
  in  Höhe  von  11.5  Milliarden  Doll.,  eine  Kriegsgewinnsteuer
  von  33  Proz.  (1060  Mill.  Doll.  Ertrag).
Bis  Ende  1918  bewilligten  die  V.  St.  ihren  Alllerten
8585  Mill.  Doll.  Vorschüsse.  —  Die  Ausfuhr  erreichte
  1918  die  Höhe  von  6150  Mill.  Doll.,  gegenüber
einer  Einfuhr  von  3031  Mill.  Doll.  Die  gewaltige
Steigerung  der  Ausfuhr  führte  zu  einer  völligen  Entschuldung
  der  V.  St.:  während  sie  1914  etwa  1500
Mill.  Pfd.  Sterl.  an  Europaschuldeten,  war  bei  Kriegsende
  umgekehrt  Europa  hoffnungslos  an  die  V.  St.
verschuldet.  Auf  die  4  Kriegsanleihen  der  V.  St.  wurden
  19  Milliarden  Doll.  gezeichnet.  Die  Gesamttriegeschuld
  wird  auf  20286  Mill.  Doll.  aengegeben.  ie
Ausfuhr  1914  -  10  26,5  Milliarden  Doll.;zwährend
  die  Gesamtaktivhandelsbilanz  1874—1914  nur
11  Milliarden  Doll.  ausmachte,  betrug  sie  1914—19
allein  16  Milliarden  Dollar.

Fünf  Monate  dieser  nie  dagewesenen  Rüstungen
waren  vergangen,  als  die  Friedensnote  des  Papstes  die
Regierung  der  V.  St.  vor  die  Wahl  stellte,  ob  sie  auf
ihren  Zweck  verzichten  wollte,  wenn  ein  Friedensschluß
möglich  wäre.  Wilson  antwortete  in  seiner  Note  vom
31.  Aug.  1917  klar  u.  unmißverständlich,  daß  erst  der
Zweck  des  Krieges  erreicht  sein  müsse  —  u.  dieser  Zweck
sei  kein  anderer  als  der  Sturz  der  deutschen  Regierung.
So  gingen  die  Rüstungen  weiter.  Im  Sept.  wurde  beschlossen,
  auch  alle  Ausländer  einzuziehen  (12.  Sept.),
die  Zuckerindustrie  unter  Regierungsaufsicht  zu  stellen
(16.  Sept.).  Am  2.  Nov.  kam  ein  Abkommen  mit
Japan  zustande,  in  dem  die  V.  St.  die  besonderen
Interessen  Japans  in  China  anerkannten  u.  mit  dem
Rivalen  Übereinkünfte  betreffs  der  militärischen,  maritimen
  u.  wirtschaftlichen  Zusammenarbeit  im  Kriege
gegen  Deutschland  abschlossen  —  also  ein  vorlänsiger
vollständiger  Verzicht  auf  die  Vorherrschaft  im  Stillen
  Ozean  um  des  europäischen  Geschäfts  willen.  Am
21.  Nov.  traten  Oberst  House  und  General  Ellis  in
den  Obersten  Kriegsrat  der  Entente  in  Versailles  ein.
Am  8.  Nov.  wurde  die  zweite  Kriegsanleihe  abgeschlossen:
  9,4  Mill.  Zeichner  hatten  4617  Mill.  Doll.  ge-359



zeichnet.  Am  17.  Nov.  wurden  neue  einschneidende
Maßnahmen  gegen  die  feindlichen  Ausländer  ergriffen.
  Am  26.  Nov  wurde  der  gesamte  Eisenbahnbetrieb
östlich  von  Chicago  unter  die  Aufsicht  des  Kriegsministeriums
  gestellt.

Bis  Ende  1917  hatten  die  V.  St.  180000  Mann
unter  General  Pershing  nach  dem  europäischen  Kontinent
  geschickt,  die  meisten  dieser  Truppen  waren
jedoch  1917  noch  nicht  frontverwendungsfähig.  Um
so  größer  aber  war  die  wirtschaftliche  Einfuhr  der
V.  St.  für  die  Verbündeten,  vor  allem  aber  die
moralische  Wirkung  ihres  Eintritts  in  den  Krieg.  Im
1.  Vierteljahr  1918  wurden  weitere  179000  rt
amerikanischer  Truppen  nach  Frankreich  gebracht,
dann  aber  im  April  allein  117000,  im  Mai  247000,
im  Juni  276000.  Die  deutsche  Heeresleitung  hatte
diese  Zahlen  für  Bluff  gehalten  und  ihren  Offensivplan
  1918  auf  dem  Gedanken  aufgebaut,  Foch  zum
Einsetzen  und  vorzeitigen  Verbrauch  seiner  Reservearmee
  zu  zwingen  und  dann  mit  der  eigenen  Operationsarmee
  die  Entscheidung  herbeinsführen:  statt
dessen  stießen  die  erschöpften  deutschen  Truppen  auf
die  kompakte  Masse  der  amerikan.  Millionenarmee:
diese  Enttäuschung  führte  zum  moralischen  Zusammenbruch
  der  deurforn  Kampfkraft.  Als  Sieger  nahm
Wilson  die  deutsche  Bitte  um  Wasffenstillstand  und
Frieden  am  5.  Okt.  1918  entgegen,  und  auf  die  von
ihm  verkündeten  Vierzehn  Punkte  (s.  d.)  sollte  der
Friede  aufgebant  werden.

Wilson  begab  sich  selbst  nach  Versailles  zu  den
Friedensverhandlungen,  wo  er  aber  die  Führung  vollständig
  zugunsten  Clemenceaus  verlor.  Dazu  war
sein  E  suß  in  den  V.  St.  selbst  „rchgegangen,  eitdem
  die  Republikaner  nach  den  Wahlen  vom  5.  Nov.
1918  die  Mehrheit  im  Repräsentantenhaus  (231  von
435  Sitzen)  innehatten.  Enttäuscht  kehrte  Wilson  10.
Juli  1919  nach  Amerika  heim;  als  er  dort  auf  einen
entschlossenen  Widerstand  des  Senats  gegen  den  Versailler
  Vertrag  stieß,  brach  er  zusammen  (Ende  Sept.).
Ende  des  Jahres  zogen  sich  die  V.  St.  völlig  von  den
Versailler  Beratungen  zurück,  und  da  der  Senat  noch
immer  nicht  ratifiziert  hatte,  konnten  sie  sich  auch  nicht
an  dem  Austausch  der  Ratifikationsurkunden  in  Versailles
  (10.  Jan.  1920)  beteiligen.  —  Als  die  Wellen
der  europäischen  Revolution  bis  ans  Gestade  der
V.  St.  schlugen,  wurden  Ende  1919  drakonische  Maßnahmen
  gegen  die  Kommunisten  erlassen.  Auch  der
Weltarbeitskongreß,  der  im  November  1919
ohne  die  Deutschen  in  Washington  tagte,  hat  keine
LUösung  der  soßialen  Frage  gefunden.

ber  die  Politik  der  V.  St.  im  Kriege  vgl.  auch  Bd.  J,
S.  45,  Bd.  II,  S.  329,  340,  151  ff.,  165  ff.;  über  die
Kriegsliteratur  u.  Presse  Bd.  II,  S.  335  u.  386.
Vgl.  D.  Schäfer,  Die  Vereinigten  Staaten  als  Weltmacht
  (Berl.  1917);  Penck.  U.  S.-Amerika  (Stuttg.
1917);  E.  Kühnemann,  Deutschland  und  Amerika
(Münch.  1917);  Ed.  Me  B  Nordamerika  und
Deutschland  (Berl.  1915);  Roosevelt,  America  and
the  world  war  (Lond.  1915);  Gerard,  My  four  yeara
in  Germany)  (Neuyork  1917);  Bonn,  Amerika  als
Feind  (Münch.  1917);  Fried,  Pan-Amerika  (1810—
1916)  (2.  Aufl.,  Zürich  1918);  Ed.  Meyer,  Die  Verewigten
  Staaten  von  Amerika  (Frankf.  a.  M.  1920).

ergasung,  s.  Gaskampf.

Verkehrswesen,.  über  die  verschiedenen  Arten
des  B.s  im  Kriege  vgl.=  Eisenbahnen  im  Weltkriege,
Bd.  II,  S.  294;  -Kraftwagen  und  Krastwagenzügee,
Bd.  I.  S.  279;  Etappenwesen-,  Vd.  II,  S.  261;