Inhaltsverzeichnis : Deutsche Geschichte. Zweiter Band. (2)

60  2.  Deutiche  Zuftände  nach  dem  weitfäliichen  Frieden.

Tat  ftand  Frankreich  jchon  durcd)  feine  ausgebildete  und  durd)-gebildete
  Sprache  an  der  Spibe;  auf  diefem  ebiete  hatten  Die
Sranzojen  felbjt  Italien  oder  England  —  ausgenommen  den  einen
Shafeipeare,  und  die  Niederlande,  bei  denen  aus  einem  Volfsdialeft
eine  Schriftiprache  geworden  war,  vollends  aber  Deutichland  weit
überholt.  Die  Zeit  des  dreißigjährigen  Kriegs  und  biß  zum  Ende  des
Sahrhunderts  ift  zugleich  die  Zeit  des  Tiefftands  unferer  Sprache
und  deijen,  wa8  man  die  Literatur  im  engeren  Sinne  nennt.  Die
Sprache  Luthers  und  der  Bolfzlieder  anf  unter  einer  Reihe  ungünftiger
  Einflüfje,  durch  das  Stoden  der  religiöjen  Neubelebung  und
die  Abkehr  zu  theologischer  Polemik  und  Dogmatik,  ferner  und  im
Bufammenhang  damit  durch  da  Überwiegen  des  Lateinischen  als  der
Schul-,  Gelehrten-  und  Diplomatenjprache  und  weiterhin  auch  durd)
das  Bordringen  des  Franzöfilchen  al  der  modtichen  Sprache  der
höheren  und  höchiten  Gejellichaftl.  Die  Briefe  und  Alten  jener
Zeit  zeigen  ein  unbeholfenes,  ja  barbarijches,  mit  Yateinischen  und
franzöftihen  Worten  und  Wendungen  verjeßtes  Deutjch  und  mit
der  Sprache  vergröberte  fich  und  verarmte  auch  die  Empfindung.
Bemerkenswert  ift  num  aber,  daß  eben  in  diefer  Beit  und  während
die  Nation  in  dem  verderblichen  Kriege  in  ihren  eigenen  Eingeweiden
  wühlte,  daS  Nativnalgefühl,  das  Bewußtlein  davon,
was  diefe  Nation  fein  fünnte  und  nidht  war,  fich  lebhafter  als
jemal3  zuvor  regte  und  fich  bejonders  fräftig  auf  dem  Gebiete
der  Sprache  und  der  Dichtung  in  allerlei  Neformdrang  und
Neformbeitrebungen  geltend  machte.  Einen  großen  Dichtergeift,
wie  ihn  in  England  der  Proteftantismus  und  der  Kampf  wider  die
Gelüfte  des  Abjolutismus  in  Tohn  Milton  hervorgerufen  und  ein
unfterbliches  Werf  wie  deflen  verlorenes  Paradies  hat  Deutichland  in
diejen  Heiten  nicht  hervorgebracht.  Die  Talente,  die  etwas  der  Art
hätten  fchaffen  fünnen,  verfümmerten  in  diefen  traurigen  Tagen:
aber  gering  denken  darf  man  von  den  Bemühungen  derer  doch
nicht,  die  langjam,  mühjelig  und  beladen,  unter  mancherlei  Abwegen
  ins  Abgeichmacte,  die  Herrlichen  Kräfte  unferer  Sprache,
die  wie  feine  andere  den  Höchiten  Aufgaben  der  Dichtung  wie  der