Full text : Geschichte des Preußischen Staates

162  Brandenburgs  Stellung.

Mit  seinem  ganzen  Eifer  verwendete  sich  daher  der  Kurfürst  für  die  Bewahrung
  des  Friedens,  die  allein  der  Lage  der  Dinge  entsprach,  und  unermüdlich
verhandelte  er  gleichmäßig  in  Warschau  wie  in  Stockholm.  Doch  in  Warschau  mit
seinen  Warnungen  abgewiesen,  sah  er  in  Stockholm  sich  nur  um  so  hochmütiger
behandelt.  Memel  und  Pillau,  die  wichtigsten  Häfen  Preußens  forderte  Karl
Gustav  als  das  Geringste,  und  daß  der  Kurfürst  an  dem  einen  Hofe  verhandelte,
wurde  ihm  an  dem  anderen  zum  Vorwurf  gemacht.  Doch  wie  hätte  er  den  Kampf
anders  vermeiden  können,  als  hüben  und  drüben  verhandelnd,  zum  Frieden  ratend?
Oder  war  in  der  That  der  Kurfürst  von  Brandenburg  zu  tadeln,  wenn  er  gleichzeitig
  Vorbereitungen  zum  Kriege  traf  und  so  das  brandenburgische  Interesse  zu
wahren  suchte?  Und  lag  etwa  die  Ausdehnung  der  Schweden  in  Deutschland
—  wenn  auch  das  Reich  um  die  Fremdherrschaft  im  Lande  sich  nicht  groß
kümmerte  —  in  Deutschlands  Interesse?  Ohne  Zweifel  war  ferner  die  polnische
Oberlehenshoheit  über  das  deutsche  Preußen  durch  die  Not  zwar  staatsrechtlich
begründet,  ebenso  zweifellos  aber  war  sie  nichts  anderes  als  eine  traurige
Fremdherrschaft  über  ein  deutsches  Land,  die  zumal  bei  der  Schwäche  des  polnischen
Reichs  noch  länger  zu  ertragen  unwürdig  war.  Und  Sklavenketten  zu  zerreißen,
hat  immer  für  ein  Verdienst  gegolten,  und  deutsches  Land  vom  Fremdenjoch  zu
befreien,  noch  stets  für  eine  sittliche  Forderung,  die  in  diesem  Falle  doch  darum
nicht  weniger  heilig  war,  weil  die  Herrschaft  der  Fremden  ein  Jahrhundert  hindurch
  hatte  geduldet  werden  müssen.  Die  Forderung  war  vielmehr  jetzt  nur  um
so  ernster,  als  das  Festhalten  an  Polen  nur  zu  einem  Wechsel  in  der  Person
der  Fremden,  zum  Ubergang  der  Lehenshoheit  auf  Schweden  zu  führen  schien.  Denn
von  dem  kraftlosen  Polen  war  ein  kriegerischer  Erfolg  gegen  die  Schweden  durchaus
  nicht  zu  erwarten.  Bei  der  unbezweifelten  Habgier  der  Schweden  nach  dem
*  Küstenlande  war  aber  im  Falle  des  schwedischen  Sieges  entweder  —  wenn

er  Sieg  Brandenburg  an  Polens  Seite  traf  —  die  einfache  Wegnahme  des  Landes
oder,  wenn  Brandenburg  an  Schwedens  Seite  gekämpft  hatte,  mindestens  die
Unterstellung  des  Landes  unter  schwedische  Hoheit  und  unter  schwedischen  Einfluß
zu  gewärtigen.

Oder  sollte  der  Kurfürst  die  Odysseus-Gabe  besitzen  und  zwischen  der  schwedischen
  Scylla  und  der  polnischen  Charybdis  sein  Schifflein  hindurch  zu  steuern
wissen?  Sollte  er  Geschick  und  Macht  genug  haben,  um  Preußen  aus  der  polnischen
  Fremdherrschaft  an  der  schwedischen  vorbei  zur  Freiheit  zu  führen,  es
wieder  deutsch  zu  machen?  Alles  kam  darauf  an,  die  richtige  Balance  zwischen

1655  den  beiden  Mächten  herzustellen.  Da  rückte  Karl  Gustav  im  Juli  1655  von  der
Oder  her  gegen  Polen  vor,  und,  da  er  die  vom  Kurfürsten  in  Stettin  für  den
Abschluß  eines  Bündnisses  gestellten  Forderungen  —  Außhebung  der  Lehenshoheit,
eine  Verbindung  der  Mark  mit  Preußen  und  das  Bistum  Ermland  —  nicht  zugestanden
  hatte,  so  eilte  Friedrich  Wilhelm,  Preußen  in  eine  militärisch  so  befestigte
Stellung  zu  bringen,  daß  wenigstens  die  Neutralität  aufrecht  zu  halten  möglich
bleibe.  Und  in  der  That:  unter  den  gewaltigen  Schlägen  Karl  Gustavs  brach
das  morsche  Polenreich  zusammen,  und  natürlich  wurde  dadurch  der  Übermut  des
Königs  gegen  Brandenburg  nur  noch  kühner  und  dreister,  so  daß  der  Kurfürst  —
da  auf  die  immer  wieder  erbetene,  selbst  vom  spanischen  Gesandten  in  Wien  eindringlich
  befürwortete  Hilfe  vom  Kaiser  nicht  zu  zählen  war,  und  die  Niederlande
die  in  dem  abgeschlossenen  Vertrage  zugesicherten  Truppen  nicht  stellten  —  jetzt  den