Full text : Geschichte des Preußischen Staates

Krieg  gegen  Oesterreich.  695

abzutreten,  die  passende  Gelegenheit  gab,  als  Vermittler  zwischen  die  streitenden
Mächte  zu  treten.  Man  mußte  nur  mit  großen  Worten  die  Empfindlichkeit  darüber
verbergen,  daß  man  sich  völlig  verrechnet,  daß  man  einst  gehofft,  das  besiegte
Preußen  großmütig  vor  den  Griffen  des  habsburgischen  Adlers  zu  retten  und  der
Hofburg  das  Ziel  anzugeben,  bis  zu  welchem  sie  in  der  Herrschaft  über  Deutschland
  vorgehen  dürfe  —  nun  aber  das  sich  verblutende  Oesterreich  aus  den  Fängen
des  hohenzollernschen  Adlers  retten  und  diesem  die  Flügel  beschneiden  wollte.
Man  mußte  zusehen,  ob  nicht  irgendwie  dem  Schreckbild  der  deutschen  Einheit
wenigstens  eine  französische  Farbe  aufgesetzt  werden,  einige  Grenzlande  zu  gewinnen
sein  möchten,  jedenfalls  aber  den  Südstaaten  eine  unabhängige  Stellung  von  dem
neuen  deutschen  Dunde  gegeben  werden  könne,  welche  sie  zwingen  mußte,  auf
Napoleon  sich  zu  stütz
Unaufhörlich  Mlen-  der  Telegraph  zwischen  dem  preußischen  Hauptauartier
und  Paris,  immer  erneuete  Wünsche  riefen  den  preußischen  Gesandten  Grafen
von  der  Goltz  in  Paris  ins  Kabinett  zum  Kaiser  und  ebenso  zur  Kaiserin  Eugenie,
die  vornehmlich  über  die  österreichische  Mißhandlung  entrüstet  war.  Immer  wieder
meldete  sich  der  französische  deend  Benedetti  im  Hauptquartier  beim  Grafen
Bismarck.  Napoleon  müsse  in  der  Lage  sein,  seinem  unruhigen  Lande  zu  sagen,
daß  die  preußischen  Friedensbedingungen  mit  dem  Interesse  Frankreichs  sich  vereinigen
  ließen.  Aber  was  er  auch  verlangte,  die  überaus  rücksichtsvolle  Mäßigung
König  Wilhelms  und  seines  bei  aller  Schnebiiget  nur  das  Notwendige  erstrebenden
Ministers  nahm  ihm  jede  Waffe  aus  der  Han
Denn  hier  wußte  man  sehr  wohl  zu  unterscheiden  zwischen  den  maßvollen
Worten  Napoleons  selbst  und  den  Zielen,  die  er  verfolgte,  und  der  Widerspruch
des  französischen  Kaisers  gegen  die  deutsche  Einheit,  sein  Vorwort  für  die  Bildung
eines  besonderen  süddeutschen  Bundes  ist  es  gewesen,  welche  die  Ueberzeugung
von  der  Notwendigkeit  fest  begründeten,  daß  man  einigen  Ersatz  dafür  in  der  Einverleibung
  der,  bisher  Preußen  in  zwei  Teile  zerreißenden  feindlichen  Gebiete  suchen
müsse.  Niemand  war  von  dieser  Notwendigkeit  mehr  durchdrungen  als  König
Wilhelm,  und  mit  voller  Bestimmtheit  trat  er,  wie  schmerzlich  sein  Herz  auch
durch  das  Unglück  der  verblendeten  Herrscher  berührt  war  —  das  er  erst  noch
durch  ihre  Thronentsagung  zu  Gunsten  ihrer  Nachfolger  hatte  vermeiden  wollen
—  für  die  Vereinigung  ihrer  Staaten  mit  den  preußischen  Ländern  ein.  Und
hiergegen  erhob  weder  Napoleon,  noch  Kaiser  Franz  Joseph  besonderen  Wider-Jener
  mochte  erkennen,  daß  diese  kleinen  norddeutschen  Staaten  nach  dem
glorreichen  preußischen  Feldzuge  doch  nicht  seinen  Spuren  zu  folgen  vermöchten,
und  für  Oesterreich  war  durch  das  Verhalten  der  Reichsarmee,  wie  man  die
Truppen  der  Mittelstaaten  höhnend  wieder  nannte,  erwiesen,  daß  sie  ihrer  seit
Metternichs  Zeiten  fest  gehaltenen  Bestimmung,  unter  der  Form  des  Bundesstaates
  für  Oesterreich  zu  kämpfen,  doch  nicht  genügen  konnten.  Damit  aber  war
zugleich  das  Zugeständnis,  selbst  den  Bund  zu  verlassen,  ohne  weiteres  gegeben.
Denn  nun  drängten  die  militärischen  Ereignisse  Oesterreich  zum  Abschluß.
Rastlos  waren  die  preußischen  Heere  nach  der  großen  Schlacht.  vorgegangen,  hatten
am  8.  Prag  —  am  13.  war  König  Wilhelm  in  Brünn  eingezogen,  bei
Tobitschau  war  ein  glänzendes  Reitergefecht  vorgefallen,  Benedek  hatte,  um  nur
Wien  zu  retten,  sich  zu  dem  weiten  Umwege  über  Preßburg  entschließen  müssen,
am  20.  standen  die  Preußen  eine  Meile  von  der  Hauptstadt,  von  Wien  entfernt