Metadaten : Europäischer Geschichtskalender. Neue Folge. Dreiunddreißigster Jahrgang. 1917. Erster Teil. (58a)

474  Beuisches  Reich.  (Mai  3.—7.)

der  Abgabe  zunächstliegende  durch  fünf  teilbare  Zahl  nach  oben  oder  unten
abgerundet  werden  soll,  ohne  Aussprache  in  allen  drei  Lesungen  angenommen.
Endlich  wird  der  Haushalt  der  Reichsdruckerei  und  des  Reichstags
  bewilligt.

3.—  7.  Mai.  (Reichstag,  Hauptausschuß.)  Verhältnisse  in  den
besetzten  Gebieten  (Belgien,  Polen,  Litauen).

Abg.  v.  Schulze-Gävernitz  (Fortschr.  Vp.)  gedenkt  zunächst  des  verstorbenen
  Generalgouverneurs  Frh.  v.  Bissing,  dessen  echt  humane  Gesinnung
mit  festem  und  zielbewußtem  politischen  Wollen  verbunden  war,  und  der
unserer  belgisch-vlamischen  Politik  trotz  mancherlei  Reibungen  in  der  deutschen
Verwaltung  Ziel  und  Richtung  gab,  und  fährt  fort:  Die  Annexion
Belgiens  ist  als  erledigt  anzusehen.  Sie  ist  auch  unerwünscht  gegenüber
  der  nationalen  Geschlossenheit  und  Freiwilligkeit  des  deutschen  Reichszusammenhangs,
  der  unsere  Stärke  ausmacht.  Ein  halbsouveränes  Belgien,
dem  —  ähnlich  dem  Preußen  von  1807,12  —  die  wichtigsten  Hoheitsrechte
entzogen  wären,  würde  steten  Protest  und  stete  Kriegsdrohung  bedeuten.
Untertanenländer  sind  in  Westeuropa  undurchführbar.  Aber  auch  der  volle
status  quo  ante  schlösse  die  schwersten  Gefahren  in  sich.  Belgien  wäre
nichts  anderes  als  ein  wirtschaftliches,  politisches  und  militärisches  Anhängsel
der  Entente.  Der  einzige  Weg,  der  zum  Ziele  führt,  ist  die  staatliche
  Trennung  von  Vlamen  und  Wallonen.  Die  Vlamen  sind  im
Kampfe  um  ihre  Selbständigkeit,  als  vorgeschobenster  und  gefährdetster  Westposten
  der  germanischen  Welt,  an  uns  gebunden  —  auf  Leben  und  Tod.
Die  Vlamen,  richtig  behandelt,  wachsen  uns  damit  zur  Freiwilligkeit  des
Zusammenhangs  entgegen.  Da  es  unsicher  ist,  ob  wir  nach  Friedensschluß
Belgien  politisch  beherrschen  werden,  so  ist  jetzt  an  vlamischen  Werten  unter
Dach  zu  bringen  soviel  als  möglich.  Was  davon  bei  unserem  Abzug  vorhanden
  ist,  kann  man  im  Friedensvertrage  schützen.  Wir  können  an  die
während  des  Krieges  mächtig  erstarkte  vlamische  Bewegung  anknüpfen.  Die
breite  Mehrzahl  des  aktiven  „Vlamen--Landsbonds“  verlangt  heute  Scheidung
von  Verwaltung  und  Gesetzgebung,  sowie  getrenntes  Heerwesen  innerhalb
eines  wiederhergestellten  Belgiens  unter  einer  gemeinsamen  Krone.  Demegenüber

  verlangen  die  radikalen  Jung-Vlamen  ein  eigenes  „Königreich
Flandern“,  unter  engster  Anlehnung  an  das  Deutsche  Reich.  Ein  Verhältnis
einseitiger  Beherrschung  ist  zum  sichern  Scheitern  verdammt  gegenüber  dem
Freiheitssinn  und  der  demokratischen  Grundstimmung  des  vlamischen  Volkes.
Ist  das  „Königreich  Flandern“  für  uns  unerreichbar,  so  bereitet  das  Programm
  des  „Landsbonds“,  der  innerbelgische  Dualismus  eine  annehmbare
Lösung  vor.  Die  bisherige  Vlamenpolitik  der  deutschen  Okkupationsregierung
litt  an  dem  Mangel  an  Einheitlichkeit.  Die  deutsche  Vlamenpolitik  steht
heute  vor  einem  Entweder-Oder.  Geht  sie  in  der  bisherigen  Zögerung
weiter,  so  war  sie  im  wesentlichen  zwecklos.  Um  ihre  Ziele  zu  erreichen,
erscheinen  folgende  Gesichtspunkte  als  besonders  wichtig:  1.  Der  deutschen
Zivilverwaltung  werde  die  schwierige,  aber  durchführbare  Aufgabe  gesetzt,
innerhalb  eines  halben  Jahres  den  belgischen  Staat  in  zwei  Staatsgebilde
zu  zerlegen,  welche  lediglich  durch  den  gemeinsamen  Generalgouverneur
noch  zusammengehalten  sind.  2.  Sichtbare  Grenzabsteckung  genau  nach  der
uralten  Sprachgrenze.  3.  Beamtenernennungen  und  erschiebungen,  Vlamen
in  Flandern,  Wallonen  in  Wallonien.  Abschiebung  der  grundsätzlich  französischgesinnten
  belgischen  Beamten  von  der  Brüsseler  Zentrale  in  das  Wallonenland.
  4.  Wirtschaftliche  Angliederung  Flanderns.  5.  Anerkennung  des  Rates
von  Flandern  als  Vorläufer  des  vlamischen  Parlamentes.  6.  Katholische
Kirchenpolitik.  7.  Die  Zwangsausfuhr  belgischer  Arbeiter  nach  Deutschland