Full text: Das Goldene Buch des Deutschen Volkes an der Jahrhundertwende.

Schule begründete. In Scherer, Lehmann, später in Boppe-Seyler, Drechsel u. a, erstanden in Deutschland besondere Pileger der 
physiologischen Chemie. Bervorragendster Führer auf dem Gesamtgebieie der Physiologie wurde aber Johannes Müller, der zwar 
die mystische Eebenskraft noch nicht über Bord geworfen halle, aber durch sein induktives Uerlahren den Lebenserscheinungen 
gegenüber ihren sicheren Siurz vorbereitele. Saal er doch: „Die wichfigsten Wahrheiten in den Naturwissenschaften sind 
weder allein durch Zergliederung der Begriife der Philosophie, noch allein durch Erfahrung gelunden worden, sondern durch 
eine denkende Erfahrung, welche das Wesentliche von dem Zulälligen in den Erlahrungen unterscheidet und dadurch Grund. 
sätze findel, aus welchen viele Erfahrungen abgeleitet werden.“ Sein handbuch zeigt den Lehrbegriii der gesamten Physio- 
logie in weiter Gemarkung auf. Durchdringend beschälzt er den {Wert der vergleichenden Physiologie. In der Physiologie 
der Nerven, der Sinne, der Stimme und anderer Gebiete bahnbrechender Erforscher wichtiger Chalsachen schuf er eine 
Schule deutscher Physiologen, die treu ihrem TMeisier wieder ihre Schulen gründeten. Sie blüben heute nicht allein in 
Deutschland, sondern auf beiden Bemispbären und umfassen alle Gebiete der Physiologie. Aus jener Schule stammie Schwann. 
In der Zeilenlebre stelle er em alle organischen Reiche umfassendes Bildungsprinzip auf, das Max Schultze, da er das 
Lebenssubstrat aller jungen Zeilen übereinstimmend fand, mit dem zuerst von Dutrochet bei niedrigst siehenden Organismen 
beschriebenen in seine Protisplasmatheorie liberlührte, die ein Grundpfeiler des hervorragendsien Lehrgebäudes dieses Jahr- 
bunderts ist, der von Darwin dargelegien Fortbildung der organisierten Welt durch nützliche Anpassung und Vererbung. 
Uon Schwann und später von Belmholtz wurde auch der Anlang der Wege begangen, auf welchem die generatio aequivoca 
durch Sterilisierung der überall vorhandenen Keime widerlegt, für Gärung und Fäulnis die noiwendige Mitwirkung von 
Lebewesen geiunden wurde und auf welchen später die glänzenden Funde Pasteurs zu unserer heutigen Mikrobiologie führten. 
Aus Müllers Schule stammen ferner: Brücke, in Physiologie und Bistologie vielseitiger und fruchtbarer Forscher, durch seine 
Arbeiten über Lautphvsiologie, Uerskunst und bildende Künste ihren Einfluss auf weite Gebiefe tragend; €. du Bois- 
Reymond, der exakten Methoden für die elektrische Reizung von Muskeln und Nerven Bahn bricht und ebenso mit und 
neben Matteucech und glücklicher als dieser den von Uolta übersehenen Zwilling in Galvanis ableitenden Bogen, den tierisch- 
elektrischen Strom erforscht. Er wendei die schärfsien Wallen gegen die Lebenskraft, deren $chlacken noch Joh. Müller und 
Liebig nicht losbrachten. Sie müsse aus der Physiologie verjagt werden wie „der Banswurst von der deutschen Schau- 
bühne“. Und noch der Arösste der Schule, die sekuläre Gestall von 5. v. Helmholtz; unabhängig von Joule und dem Arzt 
R. Maver, welche die Pforten der mechanischen Wärmelehre öffneten, und umfassender als beide stellt er ein oberstes, die 
gesamte Dalur umfassendes Gesetz auf, das von der Erhaltung der Energie. Die Messung der Fortpflanzungsgeschwindigkeit 
der Nervenerregung, die auf eigene Entdeckungen basierle Darstellung der physiologischen Optik und Akustik glänzen aus den 
ruhmreichen Chaten dieses Beroen, der ebenso leuchtend als Physiologe, wie als Psychologe und Physiker. in ferne Jahr- 
hunderte sirablen wird. Auf eigenen Wegen, aber in innigem Kontakt mit diesen Männern standen: Zarl Ludwig, selbst 
der grosse Meister einer ausgedehnten Schule. In seinem Brücke, du Bois und Helmholiz aewidmelen Lehrbuch suchte er 
den ganzen Schalz der exakten Physiologie seiner Zeit zusammen zu tragen. Reich sind die Funde, welche den Kranz seines 
Ruhmes durchflecdhten, heraus heben sich die Einführung des graphischen Verfahrens in die Physiologie, der Einfluss der Nerven 
auf die Drüsensekrelion. Und Donders in Holland, der physiologische Optik, Kreislauflehre und Lautphysiologie herrlich erweiterte. 
Und nennen wir noch von unabhängigen Zeitgenossen der grossen Meister und Jünger und von Schülern derselben A. W. Volk: 
mann (Kreislauf, Muskelbewegung, Besichissinn), v. Vierordt (Blutkreislauf, Zeitsinn), heidenhain (Blut, Berzibätigkeit, Byp- 
nofismus, Drüsenabsonderung u. a.) in Deutschland; W. Bowman (Muskelbewegung, Bierensekretion) in England; Hoimgreen 
{tierische Elektrizität, Farbenlehre) in Schweden; EI. Bernard in Frankreich, der in den Spuren Magendies mil neuen Methoden 
des Tierexperimentes eine Fülle von Entdeckungen, besonders über die Verrichtungen des Nervensystems zu Tage förderte 
und in der Auffassung des Zusammenhanaes aller Lebenserscheimungen zu philosopbischer Vertiefung zu gelangen suchte. 
{Wir haben damit durch unsere Skizze wie einen Kranz von Immortellen glänzende Damen und hervorragende Leistungen 
Uerklärter geschlungen. Mögen sie leiten für die Beurteilung des Geistes, in welchem die lebenden Physiologen in reicher 
Schar auf allen Gebieten Ihätig unsere herrliche Wissenschaft ins neue Jahrhundert geleiten, selbst die Cräger grossen 
Fortschrittes und einilussreicher Entdeckungen, zu denen reiche Früchte noch Tag für Tag aus den jetzt überall blühenden 
physiologischen Instituten — auch eine Errungenschaft unseres Jahrhunderts — kommen. Sie werden auch sieghaft die 
Widersacher unserer {Wissenschaft „überwinden, die Neovilalisten, die gegen das Tgnorabimus von du Bois, die ewige 
Unmöglichkeit, den Zusammenhang von Leib und Seele mechanisch zu erklären, sich wenden, aber in einem Aiem der 
Erforschung des Lebens Iranscendente Schranken dort seizen wollen, wo noch gangbare Erscheinungswelt vorliegt und kein 
Balt geboten ist für die Zunahme der Erkenninis und die damit wachsende Erkenntniskraft; und die beihörten Feinde des 
Cierexrperimentes, die jedem Cier menschliche Beseelung andichten, die aber in ihrem Wahne verkennen, „dass, wie 
Rokitansky einst treffend bemerkte, „die Leiden des unbelriedigten Wissensdranges des Menschen und der Jammer der 
Unwissenheit und ihrer Folgen auf einem das Menschenwohl vor allem berührenden Gebiete die Qualen des zur 
Beantwortung wissenschalllicher Fragen verwendeten lebendigen Tierleibes überwiegen“. Zwar bat sich auch in der Physio- 
logie in unserem Jahrhundert die Ueberzeugung fesigewurzelt, dass das Wissen sich selbsi Zweck ist. Aber alles Wissen 
gereicht auch dem Menschengeschlechte zur Wohlfahrt und zum Beile. Für die Physiologie, vom Anfange an durch Aerzte 
gepflegt, wird das noch besonders dadurch beurkundet, dass sie im regen Zusammenbange mil der Medizin auch ins 
neue Jahrbundert hinübertritt. Sie wird in aller Welt fast ausnahmslos an medizinischen Fakulläten und Schulen gelehrt. 
Proi. Dr. Alexander Rollett. 
  
  
  
Missenschall 38