196 Beutsches Neich. (Juni 11.—14.)
Am 11. legt der Vorsitzende der natl. Landtagsfraktion Dr. Lohmann
infolge der heftigen Angriffe, die von seiten der Mehrheit seiner Parteifreunde
gegen ihn wegen seiner Haltung gegenüber dem gleichen Wahlrecht
gerichtet werden, den Vorsitz der Fraktion nieder. Am 12. beschließt die
Fraktion, von der Wahl eines neuen Vorsitzenden bis auf weiteres abzusehen
und den Gesamtvorstand der Fraktion mit der Führung der Geschäfte
zu beauftragen. Die Leitung des Vorstandes hat vorläufig der
Staatssekretär des Reichsjustizamtes Abg. Dr. v. Krause.
Zum Abschluß der vierten Lesung der Wahlrechtsvorlagen schreibt die
„Nordd. Allg. Ztg.“ redaktionell: Es sind Bestimmungen in den Entwurf
aufgenommen worden, mit denen nach der Erklärung des Ministers des
Innern das Zustandekommen der Vorlage für die Regierung ausgeschlossen
ist. Mit diesen Worten ist die Stellung der preuß. Staatsregierung zu dem
Ergebnisse der vierten Lesung klar gekennzeichnet. Die Regierung hält unerschütterlich
daran fest, daß nur ein Wahlrecht Gesetz werden kann, das
das Prinzip der Gleichheit im Rahmen der Regierungsvorlage wahrt.
Mit den von der Mehrheit des Abgeordnetenhauses beschlossenen Bestimmungen
ist dies nicht der Fall. Die Väter des Mehrheitskompromisses
konnten auf die Zustimmung der Regierung nicht rechnen und haben ihre
Aktion auch taktisch nicht so eingerichtet, daß der Wunsch nach Verständigung
mit der Regierung in die Erscheinung getreten wäre.
11. Juni. (Bayer. Abg.-Kammer.) Der Kriegsminister gegen
die U. Soz.
Auf eine Interpellation des Abg. Simon (U. Soz.) wegen Internierung
und Ausweisung mißliebiger Personen aus Bayern antwortet Kriegsminister
Frhr. v. Hellingrath: Die Unabh. Soz. Partei Deutschlands steht inhaltlich
ihrer gedruckten „Organisationsgrundlinien“ in „grundsätzlicher Opposition
zum herrschenden Regierungssystem und zur Kriegspolitik der Reichsregierung“.
Ihr Endziel liegt in der Beseitigung der gegenwärtigen staatlichen und gesellschaftlichen
Ordnung. Zur Verwirklichung ihrer Absichten will sie alle sich
bietenden Möglichkeiten benutzen. Sie erstrebt während des Krieges die
Erschütterung der Geschlossenheit und Einmütigkeit des deutschen Volkes.
Angesichts dieser den vaterländischen Interessen zuwiderlaufenden Bestrebungen
erachte ich es für geboten, einer Stärkung dieser Partei während
des Krieges mit allen durch das Gesetz mir zur Verfügung gestellten Mitteln
entgegenzuarbeiten. Da geht es hart auf hart. Weichliche Rücksichtnahme
auf den einzelnen wäre ein Verbrechen gegen die Allgemeinheit. — Die
Besprechung der Interpellation wird gegen die Stimmen der Soz. und der
Lib. (mit Ausnahme des Abg. Buttmann) abgelehnt.
12. Juni. (Reichstag.) Sitzung des Verfassungsausschusses.
Im Verfassungsausschuß findet die zweite Lesung des Entw. über
die Zusammensequng des Reichstags und die Verhältniswahl in großen
Wahlkreisen (s. S. 174) statt.
13. Juni. (Sachsen.) Zum Nachfolger des verstorbenen Justizministers
Dr. Nagel wird Reichsgerichtsrat Dr. Heinze ernannt.
14. Juni. (Bayer. Abg.-Kammer.) Wahlrechtsreform.
Nach zweitägiger Aussprache werden die lib. und soz. Anträge betr.
Abänderung des Landtagswahlrechts durch allgemeine Einführung der Verfällniswahl
und Herabsetzung des Wahlalters auf 21 Jahre sowie Einührung
des Frauenstimmrechts abgelehnt; angenommenwird mitden Stimmen
des Ztr. gegen die der übrigen Parteien ein Antrag Held (Ztr.), in dem