Full text : Europäischer Geschichtskalender. Neue Folge. Vierunddreißigster Jahrgang. 1918. Erster Teil. (59a)

198  Beutsches  Reich.  (Juni  15.—19.)

ungen.  Entweder  soll  die  preußisch-deutsch-germanische  Weltanschauung  —
Recht,  Freiheit,  Ehre  und  Sitte  —  in  Ehren  bleiben,  oder  die  angelsächsische,
  das  bedeutet:  dem  Götzendienste  des  Geldes  verfallen.  Die  Völker
der  Welt  arbeiten  als  Sklaven  für  die  angelsächsische  Herrenrasse,  die  sie
unterjocht.  Diese  beiden  Anschauungen  ringen  miteinander,  und  da  muß
die  eine  unbedingt  überwunden  werden;  und  das  geht  nicht  in  Tagen  und
Wochen,  auch  nicht  in  einem  Jahre.  Dieses  war  Mir  klar;  und  da  danke
Ich  dem  Himmel,  daß  er  Ew.  Exz.  und  Sie,  Mein  lieber  General,  Mir
als  Berater  zur  Seite  gestellt  hat.  Daß  das  deutsche  Volk  und  Heer  —
Volk  und  Heer  ist  ja  jetzt  dasselbe  —  zu  Ihnen  voll  Dankbarkeit  hinaufblickt,
  brauche  Ich  nicht  zu  sagen.  Ein  jeder  draußen  weiß,  wofür  er  kämpft,
das  gibt  der  Feind  selbst  zu.  Und  infolgedessen  werden  wir  den  Sieg  erringen!
  Den  Sieg  der  deutschen  Weltanschauung,  den  gilt  es!  Ich  trinke
Mein  Glas  auf  das  Wohl  der  hohen  Führer  Meines  Heeres,  des  Generalstabes
  und  des  gesamten  deutschen  Heeres.  Hurra!

Auf  das  vom  Reichskanzler  im  Namen  des  Staatsministeriums  übersandte
  Glückwunschtelegramm  erwidert  Kaiser  Wilhelm  u.  a.:  Als  Ich  Mein
25jähriges  Regierungsjubiläum  beging,  konnte  Ich  mit  besonderem  Danke
darauf  hinweisen,  daß  Ich  Meine  Arbeit  als  Friedensfürst  tun  könnte.
Seitdem  hat  sich  das  Weltbild  geändert.  Seit  beinahe  vier  Jahren  stehen
wir,  von  unseren  Feinden  gezwungen,  im  schärfsten  Ringen,  das  die  Geschichte
sah.  Schwere  Last  hat  Gott  der  Herr  auf  Meine  Schultern  gelegt,  aber  Ich
trage  sie  im  Bewußtsein  unseres  guten  Rechtes,  im  Vertrauen  auf  unser
scharfes  Schwert  und  unsere  Kraft  in  der  Erkenntnis,  daß  Ich  das  Glück
hobe,  an  der  Spitze  des  tüchtigsten  Volkes  der  Erde  zu  stehen.  Wie  unsere

affen  sich  unter  starker  Führung  als  unbesiegbar  bewiesen  haben,  so  wird
auch  die  Heimat  unter  Anspannung  aller  Kräfte  Leid  und  Entbehrungen,
welche  gerade  heute  schärfer  in  Erscheinung  treten,  willensstark  ertragen.
So  habe  Ich  den  heutigen  Tag  inmitten  Meiner  Armee,  wenn  auch  im
Innersten  bewegt,  doch  voll  tiefster  Dankbarkeit  für  Gottes  Gnade  verlebt.
Ich  weiß,  daß  der  vom  Feinde  vielgeschmähte  preuß.  Militarismus,  den  Meine
Vorfahren  und  Ich  als  den  Geist  des  Pflichtbewußtseins,  der  Ordnung,
der  Treue  und  des  Gehorsams  großgezogen  haben,  dem  deutschen  Schwert
und  dem  deutschen  Volke  die  Kraft  gegeben  hat,  zu  siegen,  und  daß  der
Sieg  einen  Frieden  bringen  wird,  der  deutsches  Leben  verbürgt.  Dann
wird  es  Meine  und  des  Staates  heilige  Pflicht  sein,  mit  aller  Kraft  zu
sorgen  für  die  Heilung  aller  Wunden,  welche  der  Krieg  schlug,  für  die
Genesung  und  glückliche  Zukunft  des  Volkes.  «

Aus  Anlat  des  Jubiläums  bestimmt  der  Kaiser  in  „warmer  Anerkennung
  für  die  hervorragenden  Leistungen“  des  Kronprinzen  im  gegenweügen
  bKriege,  daß  das  Linienschiff  „Kronprinz“  fortan  „Kronprinz  Wilhelm“

eißen  soll.

15.  Juni.  (Bundesrat.)  Der  Entw.  e.  Verordn.  über  die  Preise
für  Getreide,  Buchweizen  und  Hirse  wird  angenommen.

17.—19.  Juni.  (Preuß.  Abg.-Haus.)  Ministerium  des  Innern,
Polit.  Betätigung  der  Beamten,  Etatsgesetz.

Nach  Beendigung  der  zweiten  Lesung  des  Kultusetats  (s.  S.  190)
erledigt  das  Haus  die  zweite  Lesung  des  Haushaltsplanes  für  das  Ministerium
des  Innern.  Dabei  werden  die  von  der  Kommission  verbundenen  Anträge
Fuhrmann  und  Aronsohn  auf  Sicherstellung  des  Rechts  der  Staatsbeamten
  zur  politischen  Betätigung  (s.  S.  47  f.)  beraten  und  angenommen.
Am  letzten  Tage  kommt  es  zu  einer  Auseinandersetzung  zwischen  dem  Abg.