Full text : Europäischer Geschichtskalender. Zehnter Jahrgang. 1869. (10)

Preußen  und  der  norddeutsche  Bund.  47

genug  wäre,  um  dieses  Element  in  die  Wagschale  zu  werfen;  dabei  ein  Bestreben,
  ununterbrochen  den  Frieden  als  zweifelhaft,  als  einer  unmittelbaren
naheliegenden  Störung  ausgesetzt  darzustellen,  und  auf  diese  Weise  das  Vertrauen,
  dessen  große  Nationen  bedürfen  zu  ihrer  Wohlfahrt,  das  Vertrauen,
dessen  Europa  gegenseitig  bedarf,  nach  Kräften  zu  stören,  überall  Agenten,
Intriganten  hineinzubringen,  um  keinen  Glauben  an  den  Frieden,  keine  Verbesserung
  der  Zustände  in  Handel  und  Wandel,  keine  Belebung  des  Verkehrs
und  der  Wohlfahrt  aufkommen  zu  lassen.  All  dieses  Treiben  ist  uns  bekannt;
es  springt  uns  in  die  Augen,  ohne  daß  es  juristisch  nachgewiesen  wird,  und
obgleich  es  in  den  Zeitungen  steht,  ist  es  doch  wahr.  (Heiterkeit.)  Aber  ich
halte  mich  nur  an  das  vorliegende  Factum,  daß  der  König  von  Hannover
fortwährend  die  Rolle  eines  kriegführenden  Fürsten  gegen  uns  spielt.  Dieses  Factum
allein  gibt  der  Staats-Regierung  das  ganz  unzweifelhafte  Recht  der  Nothwehr
gegenüber  einer  Bestrebung,  sie  mag  so  klein  oder  so  groß  sein  als  sie  will,  denn
darauf,  ob  wir  sie  zu  fürchten  haben,  kommt  es  meines  Erachtens  gar  nicht
an,  sondern  es  kommt  mir  darauf  an:  gibt  uns  der  Gegner  eine  wirklich
faßliche,  gar  keines  Eingeständnisses  bedürfende  Waffe,  mit  der  wir  sein  ganzes
Gewebe  zerreißen,  niederschlagen,  die  Quellen  ihm  abschneiden  können,  mit
denen  er  sein  verwerfliches  Gewerbe  der  Bestechung  und  Corruption  betreibt?
Diese  Handhabe,  diese  Waffe  finde  ich  in  der  einfachen  und  wesentlichen  Thatsache
  der  Legion;  ich  lasse  mich  auf  weiter  nichts  ein  und  brauche  auch  nichts,
als  diesen  Nachweis,  daß  der  König  sich  nach  wie  vor  als  eine  kriegführende
Partei  seinerseits  betrachtet  und  dadurch  den  Vertrag  materiell  und  moralisch
bricht,  dadurch  sein  Eigenthum  nach  Kriegsrecht  in  die  Hände  des  Gegners
liefert.  Ob  diese  Gefahr  klein  oder  groß  ist,  darauf  kommt  es  nicht  an.
Principiis  obsta.  Die  juristische  Nothwehr  kann  hier  nicht  in  Frage  kommen,
  hier  kommt  es  auf  die  staatliche  Beziehung  an,  wo  wir  für  die  Wohlfahrt
  einer  ganzen  Nation  zu  sorgen  haben.  Dahin  dürfen  wir  es  nicht  kommen
  lassen,  daß  wir  zur  Nothwehr  greifen,  wenn  es  zu  spät  ist.  Ich  beschränke
den  Begriff  der  Nothwehr  nicht  allein  auf  den  Begriff  der  Abwehr  eines  lebensgefährlichen
  Anfalles,  sondern  auch  auf  Herstellung  des  Vertrauens,  dessen  wir
zu  unserer  Abwehr  bedürfen.  Das  Vertrauen  auf  den  Frieden  würde  nicht
gestärkt  werden,  wenn  wir  nicht  einem  solchen  Unternehmen  entgegenträten,
dessen  Duldung  mit  der  Würde  einer  großen  Nation  meines  Erachtens  nicht
verträglich  ist,  durch  dessen  Duldung  wir  uns  nur  dem  Verdachte  aussetzen,
als  hätten  wir  nicht  den  Muth,  uns  zu  wehren,  als  fürchteten  wir,  wenn
wir  uns  rührten,  so  würde  uns  ein  Anderer  in  den  Händen  haben.  Doch  es
gibt  eine  solche  traurige  Feigheit,  die  es  nicht  wagt,  sich  zu  wehren  und  die
Degenspitze  wegzuschlagen,  die  auf  ihre  Brust  gerichtet  ist,  sondern  sich  von
ihr  durchrennen  läßt  und  in  einer  besonderen  Starrheit  —  mag  es  Befangenheit,
  mag  es  nervöse  Lähmung  sein  —  sich  nicht  bemüht,  die  Gefahr  abzuwenden,
  die  ihr  droht.  Dafür  zu  sorgen,  daß  dies  nicht  geschieht,  ist  die  Aufgabe
  der  Regierung.  Als  in  der  Richtung  dieser  Aufgabe  liegend,  habe  ich
unser  Verfahren  schon  in  der  Commission  gekennzeichnet.  Wir  wollen  hier  nicht  zu
Gerichte  sitzen  über  den  gefallenen  Gegner,  aber  wir  wollen  Deutschland  vor
Schaden  bewahren,  wir  wollen  diesem  Frevel  mit  dem  Frieden  einer  großen
Nation,  mit  dem  Frieden  Europa's  ein  Ende  machen  gegen  diejenigen,  welche
für  erbärmliche  und  kleinliche  dynastische  Interessen  sich  berufen  fühlen,  das
Glück  und  die  Ehre  des  eigenen  Vaterlandes  in  Verschwörungen  mit  dem
Auslande  zu  schädigen  und  aufs  Spiel  zu  setzen.  (Lebhafter  Beifall.)

Bei  der  Abstimmung  wird  der  Resolutions-Antrag  Virchow  abgelehnt
  und  die  Vorlage  nach  dem  Antrage  der  Commission  mit
256  gegen  70  Stimmen  angenommen.

29.  Jan.  (Meiningen).  Zweitägige  Sühneverhandlungen  vor  dem