Preußen und der norddeutsche Bund. 49
aus Mißverständnissen. Die Spannung der Lage habe von dem Augenblick
des in den Donaufürstenthümern eingetretenen Ministerwechsels an nachgelassen.
Durch anderweitige Ereignisse sei die Aufmerksamkeit auch nach andern Rich-
tungen gelenkt worden; aber wir konnten zu der Zeit wahrnehmen, bis zu
welchem Grade die friedliebende Politik der königl. Regierung bei manchen
andern Regierungen verleumdet worden war, bis zu welchem Grad diese
Verleumdungen Glauben gefunden hatten. Die Zeit schien mir — fährt Graf
Bismarck fort — damals selbst eine unsichere, wenn ich auch sonst in der
Regel in dieser Richtung nicht sehr ängstlich bin. Auch bin ich nicht gewohnt,
über dergleichen offenkundige Dinge wahrheitswidriges Zeugniß abzulegen.
Wie voll der Becher war, ist schwer zu beurtheilen. Wenn aber mächtige
Geldmittel, wenn Coalitionen der verschiedenen Parteien, welche eine Störung
des Friedens wünschen, eine gewisse Bedeutung erlangen, dann muß die Re-
gierung solche Symptome mit großer Aufmerksamkeit verfolgen und das Land
vor Schaden bewahren. Das Auftreten der Emigration, welche sich an die
Häuser Este und Brabant (Hannover und Hessen) gekettet hat, hielt mit der
Steigerung der Kriegsgefahr gleichen Schritt. Die Herren waren von den
Geheimnissen der Cabinette, die uns nicht immer gleichzeitig und in demselben
Maße bekannt waren, sehr wohl unterrichtet. In diesem Sinn steigerte sich
beispielsweise die Sprache der kurfürstlichen Organe von einem anonymen,
vielleicht für hannoverisches Geld geschriebenen, dem Kurfürsten fremden Mach-
werk bis zu directer Theilnahme desselben. Er verstieg sich bis zu directen
Regierungsacten (Ordenscommission). Der Zusammenhang dieser Agitation
mit der Kriegsgefahr sei außer Zweifel gestellt; man gab sie verloren, als die
letztere schwand. König Georg sei militärisch, der Kurfürst diplomatisch aufge-
treten. Gegenüber letzterem suche er alles in der Aufforderung desselben, ge-
waltthätig den Zusammenhang des Norddeutschen Bundes zu stören und
Provinzen davon loszureißen. Der Minister macht dann Mittheilung von den
allerlei minutiösen Früchten der Spionage, betreffend das Hietzinger Comité,
die zwar mit Heiterkeit entgegengenommen werden, aber vielfach einen der
Sache des Ministers gerade nicht zur Empfehlung gereichenden Eindruck
machen. In der Denkschrift des Kurfürsten, fährt Graf Bismarck fort,
wurden mit seinem Wissen und Willen die fremden Mächte aufgefordert,
die Provinz Hessen vom preußischen Staat wieder loszureißen. Das sei keine
ganz leere Drohung, keine harmlose Sache, die man mit den kleinen polizei-
lichen Ungeschicklichkeiten über Gemüsekörbe in Parallele bringen könne. Konnte
nicht das kriegslustige Ausland durch die Vorspiegelung von den Sympathien
eines bedeutenden Theils der hessischen und hannoveranischen Bevölkerung er-
muntert werden? Der Zustand der Zerrissenheit, in welchem Deutschland sich,
wenigstens in den Gemüthern, befinde, sei dem Ausland bekannt genug. Die
Stimmung, die vor kurzem noch bei dem Wiesbadner den Mainzer als einen
rechtlosen Ausländer betrachten ließ, dem man den Hafen zudämmen solle,
die den Frankfurter bewog den Bockenheimer als einen von allen Rechten aus-
zuschließenden Fremdling zu behandeln, diese Stimmung sei noch nicht ganz
vergangen, und werde auch vielleicht noch im Ausland in ihren Wirkungen
überschätzt. Wie die Eisenbahnen früher in Hessen zu Stande kamen, zeige ein
kurfürstliches Rescript, vermöge dessen S. k. H. nunmehr die Bewilligung
zum Bau der Hanauer Bahn geben wolle, weil und nachdem diese 200 oder
250 Actien zur Verfügung des Kurfürsten gestellt hatte. Er verzichte darauf,
diese Beispiele zu vermehren. Leider könne sich das Ausland sagen, daß eine
siegreich vordringende Armee nicht überall auf denselben feindlichen Widerstand
stoßen werde, der vielleicht von jeder andern geschlossenen europäischen Nation
zu erwarten wäre; die Coriolane in Deutschland seien nicht ganz selten; es
fehlten aber die Volsker; wenn sie diese hätten, würde das Stück bald begin-
nen; nur den letzten Act würden alle Frauen von Kassel und Hannover nicht
herbeiführen können. In Spanien, Rußland, England, Frankreich, Ungarn
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