Full text : Die Weltgeschichte. Dritter Theil. Die neue Zeit. (3)

394  Die  Zeit  von  1815  bis  1847.

daß  die  Regierungsweise  vor  1808  nicht  wiederkehren  dürfe;  denn  unter
ihr  war  Spanien  zu  einer  Macht  zweiten  Ranges  herabgesunken;  trotz
der  Silber=  und  Goldbergwerke  in  Amerika  schwoll  das  Deficit  in  der
Staatskasse  mit  jedem  Jahre  an,  den  Handel  mit  den  Kolonieen  beuteten
  die  Engländer  aus,  Spanien  selbst  war  ohne  genügende  Industrie
und  doch  von  einem  Zollsystem  umschlossen,  das  den  Schmuggel  groß  zog,
es  war  schon  verödet,  ehe  noch  der  Kampf  gegen  Napoleon  neue  Wüsten
schuf.  Spanien  bedurfte  einer  kräftigen  Regierung,  eines  redlichen  und
geordneten  Staatshaushaltes,  vor  allem  der  innern  Ruhe,  und  hätte  Ferdinand
  VII.  ihm  diese  gegeben,  so  wäre  es  ohne  Verfassung  nach  französischem
  Zuschnitte  wohl  zufrieden  geworden.  Aber  die  Verfolgung
der  Afrancesados  oder  Josefinos  (Anhänger  der  Franzosen  oder  des
Königs  Josef)  fachte  die  Leidenschaften  neu  an,  die  Wiedereinführung
der  von  den  Kortes  aufgehobenen  Inquisition  und  der  gerichtlichen  Folter
verstärkte  die  Reihen  der  Liberalen,  welche  in  den  Städten  und  höheren
Ständen,  besonders  aber  in  dem  Offizlerkorps  ihren  Rückbalt  hatten.
Schon  1814  revoltierten  die  beiden  Mina,  als  Ferdinand  VII.  die  Verfassung
  aufhob,  mußten  aber  flüchten;  wegen  des  gleichen  Verbrechens
wurde  General  Porlier  1815,  General  Lascy  1817  gehenkt,  General
Milans  rettete  sich  durch  die  Flucht,  die  Gefängnisse  füllten  sich  mit
Liberalen,  die  Gebirge  mit  Banden,  während  der  Staatskredit  immer
tiefer  sank  und  der  Aufstand  der  Kolonieen  fortdauerte.  Die  Forderungen
der  letztern  schlug  Ferdinand  VII.  ab  und  zog  1819  bei  Kadir  ein  Heer
von  20,000  Mann  zusammen,  das  nach  Amerika  eingeschifft  werden
sollte;  in  demselben  zeigte  sich  aber  ein  solcher  widerspenstiger  Geist,
daß  7000  Mann  entwaffnet  werden  mußten,  und  dessenungeachtet  brach
unter  den  Truppen  auf  der  Isla  de  Leon  ein  Aufstand  aus  (1.  Januar
1820),  vom  Oberst  Quiroga  und  dem  General  Riego  geleitet.  Ihr
Angriff  auf  Kadir  mißlang  jedoch,  Riegos  Marsch  nach  Andalusfien  brachte
diese  Provinz  nicht  in  Aufstand,  die  meuterischen  Truppen  schienen  verloren,
  als  unerwartet  die  Besatzungen  in  Ferrol  und  Korunna  revoltierten,
  Saragossa,  Murcia,  Galizien  sich  erhoben,  der  ältere  Mina  in
Navarra  erschien  und  Pampelong  besetzte.  Anfangs  März  konnte  sich
Ferdinand  VII.  nur  noch  auf  die  Garde  verlassen  und  gab  widerstrebend
nach;  zuerst  wollte  er  die  alten  Kortes  zusammen  rufen,  damit  waren
aber  die  Führer  des  Aufstandes  nicht  zufrieden  und  riefen  (7.  März)  die
Verfassung  von  1812  aus.  Der  größere  Theil  der  Nation,  besonders
das  Landvolk,  wollte  dieselbe  so  wenig  als  1814,  allein  es  konnte  sich
keine  allgemeine  Organisation  geben,  weil  die  Städte  und  das  Militär
den  Zusammenhang  unmöglich  machten,  daher  sich  Banden  bildeten,
welche  den  absoluten  König  ausriefen,  während  die  Liberalen  selbst  sich
in  Moderados  (Gemäßigte)  und  Eraltados,  Progressistas,  Kommuneros