226 Beuisches Reich. (Februar 27.—März 2.)
verschwinden. Wenn diese sich nicht auf den Boden des Klassenkampfes
stellen, so mag man sie bekämpfen, aber man soll sie nicht boykottieren,
denn auch sie vertreten Hunderttausende von Arbeitern. Nicht einmal zu
einem Aufruf zum Durchhalten hat man diese wirtschaftsfriedlichen Organisationen
von der anderen Seite zugelassen; man hat sie als Parias behandelt,
obwohl ihre Mitglieder ihr Blut in den Schützengräben vergossen
haben wie alle anderen. Was die Kriegssteuer betrifft, so sollte Herr Keil
wissen, daß diese ihren Charakter als Kriegssteuer längst verloren hat und
eine Besitzsteuer geworden ist, daß sie nicht in erster Linie diejenigen trifft,
die große Profite gemacht haben. Die Gewinne unterliegen doch auch dem
Zugriff anderer Steuern. In einzelnen Fällen umfaßt die Besteuerung
acht Zehntel des Gewinns. Herr Keil sagte weiter: Die Armen werden
immer ärmer, die Reichen immer reicher. So liegen die Dinge nicht. Die
Arbeiter, namentlich in den Munitionsfabriken, haben eine sehr große Erhöhung
ihrer Löhne erfahren. Gewiß gibt es auch Arbeiter, die Not leiden,
weit mehr aber große Schichten des Mittelstandes und der Beamten und
solcher, die ihre Sparkasseneinlagen abheben und die Schulden machen
müssen. Einer Erhöhung der Bezüge der Altpensionäre wird sich die Reierung
nicht entziehen können. Die neuen Steuern belasten Handel und
Indussiie ziemlich einseitig vorweg. Die süddeutschen Klagen über die
Frachtsteuer scheinen mir berechtigt zu sein. Ich ziehe daraus den Schluß,
daß wir der Frage der Vereinheitlichung des deutschen Eisenbahnwesens
und der Vereinheitlichung der Eisenbahnen und der Kanalpolitik nähertreten
müssen. Die philisterhafte Opposition des einzelnen gegen den Staat
hat sich als überlebt erwiesen, der Krieg hat gezeigt, daß das Schicksal des
einzelnen vom Ganzen abhängt. Heute noch von der Dreiklassentheorie zu
sprechen, hat keinen Zweck; ich glaube, nach dem Kriege wird niemand
diese Theorie aufrecht erhalten. Entschieden müssen wir gegen gewisse Abirrungen
der militärischen Gewalt uns erklären, ebenso ist eine organische
Erweiterung unserer parlamentarischen Rechte nicht aufzuhalten. Wir würden.
dabei auch vor Verfassungsänderungen nicht zurückschrecken. Die Regierung
würde dadurch nicht geschwächt, sondern eher gestärkt werden. Aber uns
darüber im einzelnen die Köpfe zu zerschlagen, hat keinen Sinn, denn Mars
regiert die Stunde. Wir gehen schweren Wochen entgegen, wie sie die
Welt vielleicht noch nicht gesehen hat. Wir zweifeln nicht an unserm
baldigen Siege; möge er uns als Frucht ein größeres und freieres Deutschland
bringen.
2. März. — Vor Beginn der Debatte erwidert auf eine Anfrage des
Abg. Grafen v. Westarp (Kons.) nach der Behandlung kriegsgefangener
und verschleppter Deutscher Ministerialdirektor Dr. Kriege: Von
Anfang des Krieges an hat die Reichsregierung alles getan, was in ihren
Kräften stand, um die Behandlung der Gefangenen zu verbessern. Alle
Klagen darüber wurden von uns und unseren Schutzmächten geprüft und
gegebenenfalls zu Vergeltungsmaßnahmen gegriffen. Wir wollen nicht an
Wehrlosen Rache nehmen, sondern lediglich eine dem Völkerrechte entsprechende
Behandlung durchsetzen. Wir vergelten nur Gleiches mit Gleichem,
lassen uns aber nicht zur Nachahmung der Barbarei hinreißen. In einer
Reihe von Fällen ist der erwünschte Erfolg schon erzielt worden. Bei der
Behandlung deutscher U.Bootmannschaften in England haben wir sehr bald
ihre völlige Gleichstellung mit anderen Gefangenen erreicht. Auch bei der
Verurteilung deutscher Offiziere und Mannschaften haben wir sehr bald
Remedur geschaffen. Die in gesundheitsschädlichen Gegenden Afrikas zurückgehaltenen
Deutschen sind nach Europa gebracht worden, nachdem wir
Franzosen in moorsumpfige russische Gegenden gebracht hatten. Das Ver-