Full text : Europäischer Geschichtskalender. Erster Jahrgang. 1860. (1)

Garibaldi.  241

dem  ungeheuren  juridischen  Unrecht,  das  er  an  den  Bedrängern  begeht,
Italien,  wie  einen  seit  Jahrhunderten  verborgenen  Schatz,  aus  sich  selbst
herausheben  werde.  Daher  sind  wohl  auch  die  edleren  weiblichen  Naturen
am  meisten  im  Stande  das  Ursprüngliche  und  Selbsteigene  in  Garibaldi
zu  erkennen.

Selbst  seine  größte  Schwäche,  seine  Unfähigkeit,  geschickter  Schmei—
chelei,  wenn  diese  ihre  eigenen,  wirklichen  oder  angeblichen  Leiden  im  Kampfe
für  die  Erlösung  der  Unterdrückten  seinem  mitleidsvollen  Herzen  als  Fall—
strick  zu  legen  weiß,  seine  Unfähigkeit  dieser  Schmeichelei  die  Maske  abzureißen,
  den  Egoismus  des  Ehrgeizes,  des  Hasses  auch  in  „Märtyrern“
zu  erkennen,  eine  beinahe  eigensinnige  Treue  in  persönlichen  Freundschaftsverhältnissen,
  selbst  gegen  Solche,  welche  seiner  unwürdig  sind,  dieses  Alles
erklärt  sich  von  unserem  Standpunkte  aus.  Er  selbst  erzählt  uns  auch
wiederholt,  daß  er  nachhaltige  Freundschaften  bei  dem  ersten  Begegnen  auf
der  Straße,  beim  ersten  Wechseln  der  Blicke  mit  Händedruck  geschlossen
habe.  —  Im  Uebrigen  die  Resultate  unserer  psychologischen  Studien  mit
Skepsis  betrachtend,  von  der  Befürchtung  gedrückt,  dem  Geheimniß  der
Bildung  eines  so  ursprünglichen  Charakters  durch  Aufspürung  und  durch
gleichsam  chemische  Abwägung  der  dabei  wirksamen  Elemente  zu  nahe  getreten
  zu  sein,  glauben  wir  um  so  fester  in  diesem  Punkte,  in  diesem
Mittelpunkte,  die  Wahrheit  getroffen  zu  haben  und  dem  Zweifel  am  Zweifel
  die  Zügel  lassen  zu  dürfen.

Garibaldis  Mutter  soll  bekanntlich  vermittelst  des  romantischen
Königs  Theodor  von  Corsica  (1736)  von  einer  deutschen  Großmutter
abstammen;  was  dann  vielleicht  auch  auf  seine  nicht  besonders  südliche
Physiognomie  und  auf  die  blonde  Farbe  seiner  Haare  Einfluß  gehabt
haben  möchte.

Kaum  dem  Knabenalter  entwachsen,  war  Garibaldi  als  Seemann
ausgefahren,  wiederholt  nach  dem  schwarzen  Meere,  dem  alten  Ziele  der
genuesischen  Marine,  dessen  Küsten  noch  so  viele  Spuren  der  alten  Größe
seines  Vaterlands  bewahren.  Auf  einer  dieser  Fahrten  wurde  sein  Schiff
zweimal  von  Seeräubern  ganz  ausgeplündert.  Er  lernte  als  Schiffsgenosse
eine  kleine  Karavane  von  St.  Simonisten  kennen,  welche  seinem  Patriotismus
  eine  cosmopolitische  Weite  gaben.  Dieser  war  besonders  durch
die  Schriften  Hugo  Foscolos  aufgestachelt  worden,  welche  in  den  meisten
Anderen  einen  bei  aller  Verbissenheit  quietistischen  Weltschmerz  hegten,
aus  welchem  sie  wohl  einmal  zu  einem  sinnlosen  Ausbruche  sich  aufschnellten,
  um  sofort  darein  zurückzusinken.  Bei  Garibaldi  aber  fiel  dieser  Keim

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